Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben.
Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben.


Vom 24. Juni bis 3. Juli 1955 feierte die Stadt die 700-Jahrfeier, die an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im [[Norder Vertrag]] von 1255 erinnert.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 63f.</ref>  
Vom 24. Juni bis 3. Juli 1955 feierte die Stadt die 700-Jahrfeier, die an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im [[Norder Vertrag]] von 1255 erinnern sollte.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 63f.</ref> Bis heute wird dieses Jahr fälschlicherweise als Gründungsdatum der Stadt angesehen. Tatsächlich erfolgte eine formelle Stadtgründung erst im Jahre 1277.


=== 1960 bis 1969 ===
=== 1960 bis 1969 ===
Zum 1. Dezember 1965 wurden die bis dahin eigenständigen Gemeinden von [[Westermarsch I]], [[Westermarsch II]], [[Neuwesteel]] und [[Leybuchtpolder]] zur [[Samtgemeinde Leybuchtpolder]] zusammengefasst. Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon kurz nach dem Krieg abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]], die bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine dient, erhalten.
Ab 1968 wurde eine umfangreiche [[Altstadtsanierung]] durchgeführt, der ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer fiel. Die Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere Mehrfamilienhäuser und dazu drei Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen.
Ab 1968 wurde eine umfangreiche [[Altstadtsanierung]] durchgeführt, der ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer fiel. Die Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere Mehrfamilienhäuser und dazu drei Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen.


Unzählige weitere, stadtbildprägende und bedeutende Gebäude wurden - zum großen Teil ohne jegliche Not - abgerissen und entweder durch nichtssagende Neubauten, Parkplätze oder Straßenzüge ersetzt. Gebäude wie das [[Schöninghsches Haus|Schöninghsche Haus]] und das [[Vossenhus]] entkamen nur knapp diesem Schicksal. Da jedoch in den 1970er Jahren allmählich ein Umdenken stattfand, wurde glücklicherweise ein Großteil der historischen Baustruktur erhalten. Ein sehr gutes Beispiel für diesen Sinneswandel sind die große Bemühungen um den detailgetreuen Wiederaufbau der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] oder der Erhalt des [[Engenahof|Engenahofs]] (heute Polizeikommissariat), bei dem zwar der marode Innenteil abgerissen, die historisch wertvolle Fassade sowie der Kellerbau jedoch erhalten wurden.
Unzählige weitere, stadtbildprägende und bedeutende Gebäude wurden - zum großen Teil ohne jegliche Not - abgerissen und entweder durch nichtssagende Neubauten, Parkplätze oder Straßenzüge ersetzt. Gebäude wie das [[Schöninghsches Haus|Schöninghsche Haus]] und das [[Vossenhus]] entkamen nur knapp diesem Schicksal. Da jedoch in den 1970er Jahren allmählich ein Umdenken stattfand, wurde glücklicherweise ein Großteil der historischen Baustruktur erhalten. Ein sehr gutes Beispiel für diesen Sinneswandel sind die große Bemühungen um den detailgetreuen Wiederaufbau der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] oder der Erhalt des [[Engenahof|Engenahofs]] (heute Polizeikommissariat), bei dem zwar der marode Innenteil abgerissen, die historisch wertvolle Fassade sowie der Kellerbau jedoch erhalten wurden.
Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon kurz nach dem Krieg abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]], die bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine dient, erhalten.


Am 11. August 1969 wurde die englische Stadt Bradford-on-Avon zur Partnerstadt Nordens.<ref name=":9">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 85</ref><ref>Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 63</ref> Später benannte man ihr zu Ehren die [[Bradforder Straße]] in [[Westlintel]].
Am 11. August 1969 wurde die englische Stadt Bradford-on-Avon zur Partnerstadt Nordens.<ref name=":9">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 85</ref><ref>Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 63</ref> Später benannte man ihr zu Ehren die [[Bradforder Straße]] in [[Westlintel]].
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===2000 bis 2009===
===2000 bis 2009===
Durch Ausweisung mehrerer Neubaugebiete wächst der (erweiterte) Stadtkern vor allem Mitte der 2000er Jahre beträchtlich. Unter anderem werden zahlreiche Neubauten in [[Vierzig Diemat]] (nördlich der Straße [[Am Norder Tief]]) sowie westlich des [[Warfenweg|Warfenwegs]] erschlossen.
Durch Ausweisung mehrerer Neubaugebiete wuchs der (erweiterte) Stadtkern vor allem Mitte der 2000er Jahre beträchtlich. Unter anderem wurden zahlreiche Neubauten in [[Vierzig Diemat]] (nördlich der Straße [[Am Norder Tief]]) sowie westlich des [[Warfenweg|Warfenwegs]] erschlossen.


2005 feiert die Stadt die 750-Jahrfeier und gedenkt dabei der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1255 im sogenannten [[Norder Vertrag]]. Wie schon bei der 700-Jahrfeier im Jahre 1955 wird die Ersterwähnung der Stadt fälschlicherweise mit dem Gründungsdatum verwechselt. Nichtsdestotrotz feiern die Norder ausgelassen mit Straßenfesten, Aufführungen und allerlei weiteres Programm. Eines der Highlights ist die Nachstellung des Brandes der [[Andreaskirche]] im Jahre 1531 nach Brandschatzung durch [[Balthasar von Esens]]. Die Andreaskirche wird hierbei zwar lediglich etwas spartanisch mittels Gerüst dargestellt, doch bietet das Schauspiel drumherum einen kleinen Einblick in die Stadthistorie.
2005 feiert die Stadt die 750-Jahrfeier und gedenkt dabei der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1255 im sogenannten [[Norder Vertrag]]. Wie schon bei der 700-Jahrfeier im Jahre 1955 wird die Ersterwähnung der Stadt fälschlicherweise mit dem Gründungsdatum verwechselt. Nichtsdestotrotz feiern die Norder ausgelassen mit Straßenfesten, Aufführungen und allerlei weiteres Programm. Eines der Highlights ist die Nachstellung des Brandes der [[Andreaskirche]] im Jahre 1531 nach Brandschatzung durch [[Balthasar von Esens]]. Die Andreaskirche wird hierbei zwar lediglich etwas spartanisch mittels Gerüst dargestellt, doch bietet das Schauspiel drumherum einen kleinen Einblick in die Stadthistorie.
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In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf Antrag der [[SPD Norden|SPD-Fraktion]] auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr.
In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf Antrag der [[SPD Norden|SPD-Fraktion]] auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr.


Der [[Stadtrat]] versuchte einerseits, dem Problem durch Programme zur Kaufförderung älterer Häuser durch junge Familien zu begegnen (''Jung kauft Alt''), doch beschloss praktisch zeitgleich und paradoxerweise die eklatanten Erhöhungen beim Wohnbauland. Auch Bürgermeister Schmelzle stellte sich nicht gegen die Zerstörung des Stadtbilds, vor allem, indem er - vermutlich wider besseren Wissens - immer wieder von einer Nichtmachbarkeit von Änderungen im Baurecht sprach. Dies brachte ihm insbesondere im Vorfeld der Kommunalwahlen 2021 umfassende Kritik der Bürgerschaft und anderer Kandidaten um das Amt des [[Bürgermeister|Bürgermeisters]] ein.
Der [[Stadtrat]] versuchte einerseits, dem Problem durch Programme zur Kaufförderung älterer Häuser durch junge Familien zu begegnen (''Jung kauft Alt''), doch beschloss praktisch zeitgleich und paradoxerweise die eklatanten Erhöhungen beim Wohnbauland. Auch Bürgermeister Schmelzle stellte sich nicht gegen die Zerstörung des Stadtbilds, was ihm insbesondere im Vorfeld der Kommunalwahlen 2021 umfassende Kritik der Bürgerschaft und anderer Kandidaten um das Amt des [[Bürgermeister|Bürgermeisters]] einbrachte.


Die Entscheidung der Gebührenerhöhung bei der Baulandvergabe wurde vor allem mit gestiegenen Erschließungskosten begründet. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden vergibt Norden seit 1993 alle nicht-hoheitlichen (alle nicht zwingend durch staatliche Stellen zu bewältigenden) Aufgaben zur Baulanderschließung an private Investoren, während selbst kleine Kommunen mit bedeutend kleinerem Verwaltungsapparat wie die Samtgemeinde Hage selbst Bauland erschließen und dadurch deutlich günstigere Preise anbieten können. Hierdurch erhalten diese sich die Kaufkraft und den Anteil der kommunalen Zuteilungen der Einkommenssteuer junger Familien bzw. steigern diese durch entsprechenden Zuzug sogar noch. Anhand entsprechender Punktesysteme werden zudem einheimische Personen bzw. Familien mit Bezug zur Gemeinde anderen Bewerbern, insbesondere nicht mehr einkommenssteuerpflichtigen Senioren und Zweit- und Drittwohnungssuchenden aus Nordrhein-Westfalen sowie Investoren, vorgezogen.
Die Entscheidung der Gebührenerhöhung bei der Baulandvergabe wurde vor allem mit gestiegenen Erschließungskosten begründet. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden vergibt Norden seit 1993 alle nicht-hoheitlichen (alle nicht zwingend durch staatliche Stellen zu bewältigenden) Aufgaben zur Baulanderschließung an private Investoren, während selbst kleine Kommunen mit bedeutend kleinerem Verwaltungsapparat wie die Samtgemeinde Hage selbst Bauland erschließen und dadurch deutlich günstigere Preise anbieten können. Hierdurch erhalten diese sich die Kaufkraft und den Anteil der kommunalen Zuteilungen der Einkommenssteuer junger Familien bzw. steigern diese durch entsprechenden Zuzug sogar noch. Anhand entsprechender Punktesysteme werden zudem einheimische Personen bzw. Familien mit Bezug zur Gemeinde anderen Bewerbern, insbesondere nicht mehr einkommenssteuerpflichtigen Senioren und Zweit- und Drittwohnungssuchenden aus Nordrhein-Westfalen sowie Investoren, vorgezogen.
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Die [[COVID 19-Pandemie]] erreichte im Frühjahr 2020 auch die Stadt Norden. Ab dem Sommer wurde vom Landkreis Aurich das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes im innerstädtischen Bereich und an frequentierten Bereichen im Norder Hafen verfügt. Zeitweise kam es zu einem Aufenthaltsverbot für Zweitwohnungsbesitzer und Personen mit touristischen Intentionen. Dies führt dazu, dass der sonst stark frequentierte Ortskern zu Ostern 2020 einer Geisterstadt glich. Zum Sommer hin kehrte der Tourismus, in geringerem Maße und durch zahlreiche Vorschriften eingeschränkt, zurück. Durch anhaltende Schließungen gastronomischer Betriebe und Beherbergungsstätten verloren zuvor viele Menschen ihre Arbeit oder konnten nur dank Kurzarbeitergeld bzw. staatlichen Zuschüssen ihre (wirtschaftliche) Existenz bewahren. Erst im Frühjahr bzw. Sommer 2021 wurden die Regelungen nach und nach gelockert, auch vor dem Hintergrund der ersten Impferfolge, sodass der Tourismus ab Ostern 2021 wieder an Fahrt gewinnen konnte. Die Zahl der Tagestouristen erreichte dabei einen neuen Höchststand, was aus pandemischer Sicht als kritisch betrachtet wurde.
Die [[COVID 19-Pandemie]] erreichte im Frühjahr 2020 auch die Stadt Norden. Ab dem Sommer wurde vom Landkreis Aurich das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes im innerstädtischen Bereich und an frequentierten Bereichen im Norder Hafen verfügt. Zeitweise kam es zu einem Aufenthaltsverbot für Zweitwohnungsbesitzer und Personen mit touristischen Intentionen. Dies führt dazu, dass der sonst stark frequentierte Ortskern zu Ostern 2020 einer Geisterstadt glich. Zum Sommer hin kehrte der Tourismus, in geringerem Maße und durch zahlreiche Vorschriften eingeschränkt, zurück. Durch anhaltende Schließungen gastronomischer Betriebe und Beherbergungsstätten verloren zuvor viele Menschen ihre Arbeit oder konnten nur dank Kurzarbeitergeld bzw. staatlichen Zuschüssen ihre (wirtschaftliche) Existenz bewahren. Erst im Frühjahr bzw. Sommer 2021 wurden die Regelungen nach und nach gelockert, auch vor dem Hintergrund der ersten Impferfolge, sodass der Tourismus ab Ostern 2021 wieder an Fahrt gewinnen konnte. Die Zahl der Tagestouristen erreichte dabei einen neuen Höchststand, was aus pandemischer Sicht als kritisch betrachtet wurde.


Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % hinter sich bringen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Schmelzle selbst befeuerte die kontroversen, diesbezüglich über ihn geführten Diskussionen, indem er sich im Wahlkampf gemeinsam mit einem hiesigen Großinvestoren und Parteifreund, der sich einen Einzug in den [[Stadtrat]] erhoffte, ablichten ließ.
Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % hinter sich bringen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Schmelzle selbst befeuerte die kontroversen, diesbezüglich über ihn geführten Diskussionen, indem er sich im Wahlkampf gemeinsam mit einem hiesigen Großinvestoren und Parteifreund, der sich einen Einzug in den [[Stadtrat]] erhoffte, ablichten ließ. Dennoch war seine Amtszeit durchaus auch von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa dem umfangreichen Ausbau des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]].


==Verwaltung und Politik==
==Verwaltung und Politik==
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Die Wählergemeinschaft ZoB (Zukunftsorientierte Bürger), 1995 gegründet, ist inzwischen zweitstärkste Fraktion im Norder Rat. Ihre Mitglieder sind nicht allein vorher parteilose Bürger, sondern auch mehrere ehemalige SPD-Politiker, die ihrer Partei aus Unzufriedenheit den Rücken kehrten. Mit [[Barbara Schlag]] stellte die Partei von 1998 bis 2016 das Amt des Bürgermeisters. Von 1998 bis 2001 bekleidete sie das Amt ehrenamtlich, danach hauptamtlich. Dies war Folge einer Neuerung der Niedersächsische Gemeindeordnung im Jahre 1996, wonach das Amt des Oberstadtdirektors abgeschafft wurde, der bis dahin die Verwaltung leitete, während der Bürgermeister hauptsächlich repräsentative Aufgaben wahrnahm. Da jedoch alle noch amtierenden Oberstadtdirektoren bis zum Ende ihrer Dienstzeit im Amt bleiben durften, wurde sie erst 2001 hauptamtliche Bürgermeisterin. Barbara Schlag war damit nicht nur die erste hauptamtliche Bürgermeisterin von Norden, sondern auch die erste Frau überhaupt in diesem Amt.
Die Wählergemeinschaft ZoB (Zukunftsorientierte Bürger), 1995 gegründet, ist inzwischen zweitstärkste Fraktion im Norder Rat. Ihre Mitglieder sind nicht allein vorher parteilose Bürger, sondern auch mehrere ehemalige SPD-Politiker, die ihrer Partei aus Unzufriedenheit den Rücken kehrten. Mit [[Barbara Schlag]] stellte die Partei von 1998 bis 2016 das Amt des Bürgermeisters. Von 1998 bis 2001 bekleidete sie das Amt ehrenamtlich, danach hauptamtlich. Dies war Folge einer Neuerung der Niedersächsische Gemeindeordnung im Jahre 1996, wonach das Amt des Oberstadtdirektors abgeschafft wurde, der bis dahin die Verwaltung leitete, während der Bürgermeister hauptsächlich repräsentative Aufgaben wahrnahm. Da jedoch alle noch amtierenden Oberstadtdirektoren bis zum Ende ihrer Dienstzeit im Amt bleiben durften, wurde sie erst 2001 hauptamtliche Bürgermeisterin. Barbara Schlag war damit nicht nur die erste hauptamtliche Bürgermeisterin von Norden, sondern auch die erste Frau überhaupt in diesem Amt.


Seit dem 1. November 2016 ist [[Heiko Schmelzle]] ([[CDU Norden|CDU]]) hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Norden.
Seit dem 1. November 2016 ist [[Heiko Schmelzle]] ([[CDU Norden|CDU]]) hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Norden. Ihm folgte zum 1. November 2016 [[Florian Eiben]] ins Amt.


==Bildung und Medien==
==Bildung und Medien==

Version vom 3. November 2021, 10:28 Uhr

Stadt Norden

Höhe 7 m ü. NN
Fläche 106,33 km²
Einwohner 25.614 (31.12.2020)
Gründung 1277
Bevölkerungsdichte 241 Einwohner/km²

Die Stadt Norden ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 25.614 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im Norder Vertrag aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das Stadtrecht wurde ihr indes erst 1277 verliehen.

Als Stammsitz wechselnder, mächtiger Häuptlingsgeschlechter war Norden über Jahrhunderte dominierender Ort des historischen Norderlandes und bedingt dadurch, dass die seit dem 15. Jahrhundert in Ostfriesland vorherrschenden Cirksenas hier über lange Zeit ihren Sitz hatten, auch der gesamten Region. Bis zum 31. Juli 1977 war die Stadt Norden Sitz des Landkreises Norden, der am 1. August jenes Jahres im Landkreis Aurich aufging.

Die Region um Norden ist vor allem durch die Landwirtschaft und den Tourismus geprägt. Letztgenannter ist heute der dominierende Wirtschaftszweig. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe in der Stadt Norden, die bekannteste davon dürfte wohl die Firma Doornkaat sein, welche die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch die Eisenhütte, die Tabakmanufaktur Steinbömer & Lubinus und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt.

Namensherkunft

Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist Nordedi (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (Norder Wald), später Nordwiede und Nordwicum sowie lateinisch Oppidum Norda und Urbem Nordanam genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische norð bzw. altfriesische north (Norden).[1] Gerrit van Norden berichtete hingegen in den Norder Annalen für das Jahr 1314, dass Norden in alter Zeit Morstatia genannt wurde.[2] Die heutige Schreibweise Norden ist seit dem Jahr 1409 nachweisbar.

Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass der Stadtname 884 ebenfalls im Zusammenhang mit der Schlacht von Nordendi fällt. Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die friesischen Gewässer heimsuchenden Wikinger und Gründungsmythos der Theelacht. Woher hingegen der Ausdruck Morstatia stammt, ist ungewiss.

Wappen

Das Norder Stadtwappen zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte Stadtsiegel aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert.

Die Sporenräder sind dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert in Norden vorherrschenden Häuptlingsfamilie Idzinga entnommen. Blau und gelb sind die Stadtfarben von Norden. Sie verdeutlichen den Wohlstand und die Lage am Meer. Der Heilige Andreas ist der Schutzpatron der Stadt. Ihm war die Andreaskirche in der Stadtmitte geweiht.

Bevölkerungsentwicklung

Anmerkung: Die hier vorliegenden Daten beziehen sich jeweils auf die heute geltenden Grenzen. Daher werden bereits beispielsweise vor der Kommunalreform 1972 die Einwohnerzahlen der ab dann zu Norden gehörenden Stadtteile in den nachfolgenden Tabellen mitgerechnet.

Jahr Einwohner
1780 3.042
1804 3.532
1815 5.065
1821 5.251
1822 5.369
Jahr Einwohner
1826 5.757
1848 7.096
1861 6.199
1864 6.096 *
1867 5.975
Jahr Einwohner
1871 7.567
1880 6.619
1885 6.898
1895 6.796 **
1905 6.717
Jahr Einwohner
1910 6.893
1925 11.025
1933 12.150
1939 12.338
1946 16.961
Jahr Einwohner
1950 18.124
1954 17.785 ***
1956 16.474
1961 16.144
1968 23.069
Jahr Einwohner
1969 23.173
1970 24.037
1971 24.177
1972 24.170
1973 24.132
Jahr Einwohner
1974 24.149
1975 24.202
1976 24.266
1977 24.334
1978 24.379
Jahr Einwohner
1979 24.299
1980 24.384
1981 24.336
1982 24.271
1983 24.246
Jahr Einwohner
1984 24.069
1985 23.772
1986 23.553
1987 23.960
1988 23.655
Jahr Einwohner
1989 23.630
1990 23.815
1991 24.040
1992 24.141
1993 24.131
Jahr Einwohner
1994 24.274
1995 24.328
1996 24.486
1997 24.683
1998 24.838
Jahr Einwohner
1999 24.931
2000 24.957
2001 24.845
2002 24.786
2003 24.943
Jahr Einwohner
2004 25.122
2005 25.122
2006 25.147
2007 25.280
2008 25.099
Jahr Einwohner
2009 25.044
2010 25.116
2011 25.010
2012 24.873
2013 24.887
Jahr Einwohner
2014 24.895
2015 25.117
2016 25.195
2017 25.056
2018 25.060
Jahr Einwohner
2019 24.873
2020 25.614
2021
2022
2023

In früheren Jahren war es in Ostfriesland und Norden sowie allgemein auf dem Lande üblich, dass neben dem Wohnhaus auch Landwirtschaft in kleinerem Umfang zur Selbstversorgung auf dem eigenen Grundstück betrieben wurde. Dies erklärt die relative Größe vieler alter Norder Grundstücke. Wie umfangreich im (alten) Norder Stadtgebiet auch Viehhaltung betrieben wurde, geht aus Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren hervor, nach denen von den insgesamt 837 Wohnhäusern in der Stadt 60 über ein eigenes Ackerland verfügten.[3] In den umliegenden Marschgebieten lag dieser Anteil wohl ungleich höher bzw. bei bis zu 100 %.

* darunter 5.018 Lutheraner, 419 Reformierte, 151 Katholiken, 192 sonstige Christen und 316 Juden

** darunter 203 Katholiken und 253 Juden[4]

*** darunter 4.071 Flüchtlinge und Vertriebene

Geografie

Norden ist die nordwestliche Stadt auf dem deutschen Festland und erstreckt sich auf etwa 106,33 Quadratkilometer. Seewärts wird die Stadt von 27,3 Kilometer Seedeich begrenzt. Die größte Nord-Süd-Ausdehnung beträgt rund 21 Kilometer, die größte Ost-West-Ausdehnung ca. 13 Kilometer. Die höchste Erhebung Nordens, der Alte Friedhof liegt auf 9,7 Meter über Normalnull, im Mittel liegt Norden etwa 7 Meter über Normalnull.[5] Der Küste vorgelagert sind die Inseln (von Ost nach West) Norderney, Juist und Memmert. Zwischen der Küstenlinie und den Inseln befindet sich das Wattenmeer, das als Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer unter Naturschutz steht und im Juni 2009 gemeinsam mit dem schleswig-holsteinischen und dem niederländischen Teil des Wattenmeers von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde.[6] Südwestlich der Stadt liegt die Leybucht, die für die Entwicklung der Stadt von maßgeblicher Bedeutung war.

Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am Schwarzen Weg aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel.

Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem Norddeicher Hafen sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem Flugplatz Westerloog eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.

Der Stadtkern von Norden liegt auf einer Geestinsel, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.[7] Auch Bargebur und Tidofeld sowie Süderneuland II befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der Marsch liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im Geestboden dominiert Sand, im Marschboden schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbaren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.

Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die Erste Dionysiusflut, bei der unter anderem das Dorf Westeel zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem Udo-Focken-Deich, dem Meer abgerungen und wiedereingedeicht. Der geologisch jüngste Stadtteil Leybuchtpolder wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des Störtebekerdeichs eingedeicht und urbar gemacht. Es ist das jüngste Dorf Deutschlands. Der Großteil der Eindeichungen konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der Leybucht und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch Neuwesteel wurde erst in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren dem Meer abgerungen.

Norden ist geprägt von Wasser und Landwirtschaftsflächen, fast 80 Prozent des Stadtgebiets werden landwirtschaftlich genutzt. Auf den eingepolderten Flächen im Süden der Stadt extensiver Ackerbau betrieben. Das eingepolderte Marschland, das vor allem aus früherem Schlick besteht, ist sehr fruchtbar. Angepflanzt werden hauptsächlich Kartoffeln, Getreide und Raps. Auf den anderen Landwirtschaftsflächen wird Viehzucht betrieben. Dominierend ist hier die Milchviehwirtschaft, gefolgt von der Schweinezucht. Auf den Deichen weiden in den wärmeren Monat Schafe, die nicht nur die Grasnarbe niedrig halten, sondern zugleich auch mit ihren Hufen den Deichboden festtreten.

Da weite Teile des Stadtgebiets nur unwesentlich über dem Meeresspiegel liegen, muss das Land kontinuierlich entwässert werden. Zuständig ist der Entwässerungsverband Norden. Das Norder Tief, früher Fahrwasser des Norder Hafens, spielt dabei eine bedeutende, überörtliche Rolle. Über die Schöpfwerke Leybuchtsiel und Leysiel entwässert es in die Leybucht und dadurch in die Nordsee. Diese Vielzahl an Gräben und die ständige Entwässerung machen eine Besiedlung der Region überhaupt erst möglich. Neben dem Norder Tief und seinen zahlreichen Zuflüssen, wie dem Addinggaster Tief oder dem Langhauser Tief, prägen noch eine Vielzahl von kleinen und größeren Entwässerungsgräben die Landschaft um Norden - wie auch im Rest von Ostfriesland.

Wie die meisten der zum größten Teil in der Marsch gelegenen Orte ist Norden nur äußerst spärlich bewaldet. Ursächlich dafür ist, dass diese Gebiete bis vor wenigen hundert Jahren noch unter Wasser standen und nie eine wesentliche Aufforstung erfahren haben. Nennenswerte Waldflächen finden sich praktisch nur auf der Geest sowie in der Nachbargemeinde Lütetsburg.

Gliederung

Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die Kernstadt umfasst neben dem alten Stadtzentrum noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeinde Sandbauerschaft mit ihren ehemaligen Ortsteilen, die heute keine administrative Bedeutung mehr haben, wohl aber noch in der Alltagssprache als Richtungs- und Anhaltspunkte verwendet werden. Zu diesen kamen weitere Wortschöpfungen des Volksmunds, die ebenso nur im Alltagsgebrauch eine Rolle spielen. Hierzu zählen etwa das Bürgermeisterviertel oder das Millionenviertel.

Die offiziellen, administrativen Stadtteile sind Bargebur, Leybuchtpolder, Neuwesteel, Norddeich, Ostermarsch, Süderneuland I, Süderneuland II, Tidofeld, Westermarsch I und Westermarsch II. Bis auf Bargebur und Tidofeld, die historisch zu Lütetsburg gehörten, waren alle heutigen Stadtteile bis zur Kommunalreform 1972 eigenständige Gemeinden bzw. Samtgemeinden, im Falle von Norddeich handelt es sich um einen Sonderfall. Der heutige Ortsteil Norddeich ist praktisch identisch mit der ehemaligen Gemeinde Lintelermarsch, von dem Norddeich ursprünglich nur ein Ortsteil war. Da Norddeich durch den Tourismus jedoch schnell zu dessen Hauptort wurde und diese Bezeichnung ohnehin seit jeher synonym für die Gemeinde benutzt wurde, erfolgte die Umbenennung.

Die Kernstadt und die Ortsteile Bargebur, Norddeich, Süderneuland I und Süderneuland II, Tidofeld sowie Teile von Westermarsch II, dessen nordwestliche Teile oftmals fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden, sind baulich weitestgehend zusammengewachsen, und formen, mit Ausnahme von Norddeich und Westermarsch II, die ausgedehnten Wohn- und Gewerbegebiete im Süden und Osten der Stadt. In diesem Ballungsgebiet leben etwa 92,5 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung.[8] Die verbleibenden Ortsteile sind nach wie vor sehr ländlich geprägt und überwiegend äußerst spärlich besiedelt, nehmen jedoch den weitaus größten Teil der städtischen Gesamtfläche ein. Die historische Kernstadt umfasst eine Fläche von nicht einmal 14 km², was nicht einmal einen Anteil von 15 % an der städtischen Gesamtfläche darstellt.

Historisch waren die einzelnen Straßen sogenannten Kluften und Rotten zugeordnet und innerhalb dieser Bereiche einzeln nummeriert. Die bis heute bestehende Hausnummerierung nach einzelnen Straßen wurde im Wesentlichen erst ab 1904 eingeführt. In den Norder Stadtteilen hat sich dies teilweise anders vollzogen, beispielweise nutzte man in Süderneuland II eine Nummerierung nach dem Zeitpunkt der Grundstücksbebauung. Dies erklärt, warum beispielsweise die Hausnummerierung an der Bundesstraße keinem erkennbaren Muster folgt und dass der Verschönerungsweg und der Leegelandweg dreistellige Hausnummern aufweisen, obwohl sie nur über wenige Anschriften verfügen. In der Westermarsch und der Ostermarsch nutzte man ein der Stadt ähnliches System von Rotten, Klüfte gab es hingegen nicht. Die wenigen Häuser der Marschgebiete trugen alle Namen, die manchmal den gebräuchlichen Straßennamen ähnelten, zum Beispiel liegt der Hof Honnewarf am Honnewarfer Weg.

Interessant ist, dass die Norder Altstadt nur sehr klein war und - sehr grob umrissen - noch bis ins späte 19. Jahrhundert vom Brummelkamp im Norden bis zum Norder Tief im Süden und von der Weberslohne im Westen bis zum Horst im Osten reichte. Die umliegenden Gebiete im Norden, Osten und Westen wurden von der Sandbauerschaft begrenzt, im Süden schloss sich das Süderneuland an und in einem kleinen Teil im Südwesten auch Westermarsch I mit dem heute noch so genannten Landstück Vierzig Diemat. Es wird also ersichtlich, dass die Kernstadt sich auf die höchsten Bereiche der Norder Geestinsel beschränkte, in dessen Umkreis sich die Geestbauern der Sandbauerschaft ansiedelten. Die Marschgebiete wurden von den Bauerschaften von Westermarsch I, Westermarsch II, Ostermarsch und Lintelermarsch eingenommen, die neuen Gebiete südlich des Stadtgebiets von den Bauern von Süderneuland I. In kleinerem Umfang betrieben wohl auch die Menschen in Süderneuland II Landwirtschaft, doch entstand dieser Ortsteil vor allem aus kleinen Siedlungen entlang des Udo-Focken-Deichs.

Geschichte

Frühzeit

Das Gebiet der heutigen Stadt Norden wurde nachweislich schon in der Mittelsteinzeit, viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, besiedelt - vor allem von den Friesen, aber auch Chauken und Sachsen waren hier sesshaft.[9][10] Während der Völkerwanderung seit dem 6. Jahrhundert wurden die Chauken mehr und mehr von den Friesen verdrängt.

1892 wurden die Kieshügel des Eschers für den Bau der Bahnstrecke abgegraben, dabei stieß man auf Reste einer Siedlung aus dem 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus. Forscher deuten Teile der Fundstücke (Tongefäße und Scherben) als Reste einer Salzsiederei.[11] Auch beim Bau der Umgehungsstraße fanden Archäologen der Ostfriesischen Landschaft im Hooker (nahe des Goosbargs) Reste einer Siedlung aus der Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Es handelte sich neben Gefäßen aus Keramik auch Hinweise auf einen Hochöfen, mit dem Eisen verhüttet wurde. Die Forscher deuteten dies als Hinweis auf ein reges handwerkliches Treiben, das sich nicht nur im Stadtkern, sondern auch im Norder Umland rege vollzog.

Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig Radbod, durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.[10] Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die Ludgerikirche benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten Fremdherrschaft durch die Hintertür abbringen.[9] Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland.

Die Menschen besiedelten zunächst die Gebiete auf der Norder Geestinsel, die deutlich über den Meeresspiegel ragt und dadurch einen natürlichen Schutz vor Überflutungen bot. Die umliegenden Marschgebiete wurden erst wesentlich später besiedelt bzw. eingedeicht. Es gibt jedoch Vermutungen, dass die fruchtbare Marsch vor dem 8. Jahrhundert, als der Meeresspiegel noch tiefer lag und damit kaum Überflutungen eintraten, schon vor der Geest aufgrund des wesentlich fruchtbareren Bodens besiedelt war. So fanden Archäologen der Ostfriesischen Landschaft beim Bau der Umgehungsstraße am Goosbarg Reste einer Siedlung aus der Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Es handelte sich neben Gefäßen aus Keramik auch Hinweise auf einen Hochöfen, mit dem Eisen verhüttet wurde. Die Forscher deuteten dies als Hinweis auf ein reges handwerkliches Treiben, das sich nicht nur im Stadtkern, sondern auch im Norder Umland rege vollzog.

Am Rand der Geestinsel bildeten sich einzelne Bauerschaften (Zusammenschlüsse mehrerer Höfe), die sich später zu einer Gemeinde, der sogenannten Sandbauerschaft, zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie einen Marktplatz, von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser und Burgen entstand. Fast alle ostfriesischen Häuptlings- und Edelgeschlechter des Norderlands haben ihre Wurzeln in Norden.[9] Nach den Edelgeschlechtern folgten spätestens im 15. Jahrhundert die wohlhabenden Bauern aus der Oster- und Westermarsch, die vor allem durch Viehhandel zu ansehnlichem Wohlstand kamen und neben ihren Höfen auch ein Stadthaus am Marktplatz unterhielten.[12] In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften des Norder Umlands um das Jahr 800 parallel zur Besiedlung um den Marktplatz weiter zusammen, sodass Norden allmählich einen stadtähnlichen Charakter entwickelte. Mit dem Verschwinden der ortsnahen Gemeinweiden im 12. Jahrhundert bildete sich das Stadtbild weiter aus.[13] Das Gründungsdatum der Stadt Norden ist somit in der Zeit zwischen 800 und 1200 zu suchen. Als Gründer Nordens werden der mittelfriesische Graf Reginbert und seinen Sohn Gerbert vermutet. Eine Stiftungsurkunde für Norden konnte jedoch noch nicht ermittelt werden. Ebenso fehlen Urkunden über die Erteilung des Markt- und Zollrechts.[14]

Der Ort war seinerzeit über eine hochwassersichere Verbindung auf der Geest mit Esens verbunden, das in Westgaste Endpunkt des Friesischen Heerwegs von Oldenburg war.[15] Auch war Norden letzter Abschnitt des Westfälischen (von Süden kommend) und des Bremischen Heerwegs (von Osten kommend).[9][16] Über den westfälischen Heerweg kamen nicht zuletzt auch viele arme westfälische Wanderarbeiter, die sich auf den Höfen der reichen Marschbauern eine Arbeit erhofften. Noch heute erinnert die Heerstraße mit ihrem Namen an den alten Heerweg gen Bremen. Hinzu kamen zahlreiche Wege an und auf Deichen, die als solche benutzt wurden. Viele Straßen in Norden verlaufen an oder auf alten Deichlinien, so etwa die Wurzeldeicher Straße, die Landstraße oder der Altendeichsweg.

Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere Kalkwarfen sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die Oster- und Westerstraße als Reihensiedlung am vorgenannten Heerweg als erste besiedelt und noch vor dem - planmäßig angelegten - Marktplatz errichtet wurden, spricht dafür, dass die Stadt in ihrem Umfeld entstanden ist.[15][17][18] Der heutige Markt wurde wohl ab der Mitte des 13. Jahrhunderts angelegt.[19] Nachfolgend entstanden die Gebäude um den Marktplatz herum (Am Markt).

Mittelalter

Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.[9] Nach dem Einbruch der Leybucht, die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das Kirchspiel Norden ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.[9][20] So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau Nordendi, der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter Norder-, Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des Norderlandes und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.[9]

Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die Andreaskirche war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besucht, im Dominikanerkloster genächtigt und eine heilige Messe abgehalten haben soll.[2] Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche Warft, auf der sie diese Kirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von Balthasar von Esens gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (Fünfter Kreuzzug bzw. Kreuzzug von Damiette) zu beginnen.[21] Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren Gasthofs Jerusalem.

Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die Ludgerikirche. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das Kloster Marienthal - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das Kloster Norden, das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem Norder Vertrag im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als älteste Stadt Ostfrieslands bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur Stadtrechtsverleihung kam es indes erst 1277.[22] Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.[23]

Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die Friesische Freiheit, die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten, wie etwa die Erste Dionysiusflut, im 14. Jahrhundert, das auch als Jahrhundert der Sturmfluten in die Geschichte einging. Sie führten dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf Westeel müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen Süderneulands wurden an die Fluten verloren. Die Leybucht erreichte ihre größte Ausdehnung und reichte bis nach Lütetsburg, wie noch heute an den Kolken im Umfeld der Umgehungsstraße erkennbar ist.

Hinzu kamen Hungersnöte wie im Jahre 1315 und eine verheerende Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360, die weitere Todesopfer forderte.[24] Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als Häuptlinge über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit zu tun hatte, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. Ihr Machtbestreben geht soweit, dass Martin Cirksena und Hylo Attena sogar das Dominikanerkloster besetzen, um andere Würdenträger aus dem Amt zu drängen.[25][26]

In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran (zunächst) die Idzinga. Später fiel Norden an die tom Brook aus dem Brookmerland, dann an die Ukena aus Leer und schließlich an die Cirksena, die sich nach der Schlacht von Bargebur als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena, die ursprünglich aus Greetsiel kamen, war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum in das zentralere Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der Norder Hafen entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert (und teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert) hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren.

Die Zeit der großen Deichbauten begann 1425. Zum Schutze der Stadt vor den Fluten aus der Leybucht wurde erstmals 1425 bis 1430 der sogenannte Udo-Focken-Deich durch Udo von Norden, einem Sohn des Häuptlings Focko Ukena, erbaut.[27] Udo war durch Heirat mit Hima Idzinga mit dem führenden Norder Herrschaftsgeschlecht verbunden und legte durch den Deichbau den Grundstein für die Besiedlung des Süderneulands.

Zu dieser Zeit gab es mehrere Burgen der vorherrschenden Häuptlings- und Edelfamilien des Ortes. Diese darf man sich jedoch nicht wie jene Burgen aus der Trivialliteratur vorstellen, sondern vielmehr als größere Steinhäuser bzw. bewohnbare Türm. Steine waren und sind aufgrund fehlender, natürlicher Vorkommen ein seltener Rohstoff in Ostfriesland. Nur die wohlhabendsten Persönlichkeiten konnten sich überhaupt solche leisten. Auch die Ziegeleien, die die für Ostfriesland typischen Klinkersteine herstellten, entstanden erst später. Die meisten Behausungen bestanden aus Lehm, Torf oder Holz. Die älteste Burg war die Oldeborg nahe des Norder Marktplatzes, an die heute noch der Straßenname Burggraben erinnert. Parallel zu den Burgen gab es mehrere Wehrhäuser, die sich ringförmig um die Stadt legten und so einen rudimentären Schutz vor Angreifern boten. Norden hatte, anders als beispielsweise Emden, zu keiner Zeit eine Stadtmauer oder eine vergleichbare Befestigung, da es schon recht früh seine Bedeutung als überregional bedeutender Herrschaftssitz verlor und zuvor keiner der Häuptlinge genug Macht und Geld besaß, eine den eigenen Herrschaftsbereich überragende Mauer zu errichten. Letztlich war dies auch nicht unbedingt notwendig, war die Umgebung der Norder Geestinsel von Mooren und kleihaltigem Marschboden umgeben, das ein Vorkommen feindlicher Truppen insbesondere zur Regenzeit stark verlangsamte oder praktisch unmöglich machte.

16. Jahrhundert

1517 schlug Martin Luther die 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg, in der er die Missstände in der katholischen Kirche aufzeigte. Bereits zwei Jahre später sendete er einen Mönch namens Stephani nach Norden, um seine Lehren im Dominikaner- und im Benediktinerkloster zu verbreiten. Die Reformation schritt in Norden zügig voran und fand bis in höchste Ebene Gehör. Nach ihrem Siegeszug die beiden (katholischen) Klöster säkularisiert (verweltlicht), aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Die Klosterinsassen verließen die Stadt, schlossen sich anderen Orden an oder konvertierten. Das Kloster Marienthal wurde nun als sogenanntes Gasthaus für die Armenpflege genutzt, auf dem Grund des Dominikanerklosters errichtete Enno II. Cirksena seinen Stammsitz. Der Fräuleinshof hatte bis zum Ende des Landkreis Norden im Jahre 1977 dauerhafte Bedeutung in der Herrschaft und Verwaltung, zuletzt als Sitz der Kreisverwaltung.

Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings Balthasar von Esens die unbefestigte Stadt. Seine Truppen zerstörten unter anderem den Vorgängerbau des Alten Rathauses, die beiden Klöster und die Andreaskirche. Balthasar galt als unbeherrschter, streitsüchtiger Zeitgenosse, der seine Männer sogar nach seinem Abzug noch einmal zurück in die brennende Andreaskirche schickte, da der Turm noch nicht in Brand geraten war. Sie starben dort einen qualvollen Feuertod. Anhand seiner Zerstörungswut wird ersichtlich, dass Balthasar es nur auf die Stadt und die Cirksenas abgesehen hatte, da er beispielsweise die Ludgerikirche, die Kirche der Norder Umlandgemeinden, unbeschadet ließ. Nach dem Wiederaufbau Nordens gab Graf Enno II. dem Ort mit den Instituta Nordana eine Stadtordnung (1535), die aufgrund der historischen Bedeutung des Wortes auch Polizeiordnung genannt wurde.

Nach dem Tode von Enno II. regierte zunächst seine Ehefrau, Anna von Oldenburg, vormundschaftlich für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erwies sich als überaus förderlich für die weitere Entwicklung, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der Stadt Norden angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blühte Norden auf. Sie förderte das Schulwesen, die Armenfürsorge und begann die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen Süderneulandes durch mehrere Eindeichungen. Der Norder Hafen reichte zu dieser Zeit noch in etwa bis zur heutigen Straße Am Alten Siel. Nachfolgend wird die Deichlinie immer weiter nach Süden verlagert, wodurch das Süderneuland entsteht.[28] Auch in der Westermarsch förderte sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Hier ließ sie den Alten Süderdeich, durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbargemacht werden konnten, errichten. Das Gebiet wird bis heute als (Altes) Westermarscher Neuland bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der Altendeichsweg, der auf der damaligen Deichlinie verläuft.

Während des Achtzigjährigen Krieges (1568 bis 1648) verlassen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt sind. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Flüchtlingen. Neben zahlreichen Gelehrten kamen eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügen. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am Ulrichsgymnasium, waren niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der Ludgerikirche. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter.

Im 16. Jahrhundert ließen sich erstmals Juden in der Stadt nieder. Bis zu ihrem Niedergang im Jahre 1940 lag der Schwerpunkt der jüdischen Gemeinde im Umfeld des Synagogenwegs. Der jüdische Friedhof ist der älteste in Ostfriesland. Heute gibt es nur noch einige, wenige Juden in Norden, die jedoch anderen Gemeinden angeschlossen sind.

Unter den Söhnen von Anna und Enno II. kommt es zu großen Streitigkeiten. Anna schaffte die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) ab, sodass Edzard II. Cirksena und Johann II. Cirksena gemeinsam regierten. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der evangelisch-lutherischen, Johann II. der calvinistischen (evangelisch-reformierten) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands dadurch kaum.

Die Reformation erbrachte in Norden einen teilweise erbittert geführten Streit zwischen calvinistischen Protestanten und Lutheranern. Die kurze Zeit später erlassene Regelung Cuius regio, eius religio wurde in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren. In dieser Gemengelage stritten in Norden lutherisch Gesinnte und Calvinisten (Reformierte) erbittert über die Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die lutherischen Geistlichen durch (siehe auch: Geschichte der Luderigemeinde Norden).

Die Gründung einer reformierten Gemeinde erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg reformierte Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in Bargebur, damals kurz vor den Toren der Stadt, eine reformierte Kirche bauen wollten. Aufgebrachte Norder Bürger rissen den Bau wieder ein, erst unter der Aufsicht brandenburgischer Truppen konnte der Bau 1684 abgeschlossen werden.

1591 starb Johann II., die Machtposition des Hauses Cirksena hatte unter der Missherrschaft von ihm und seinem Bruder stark gelitten. Die Cirksenas verloren Emden und wurden durch die mächtigen niederländischen Generalstaaten durch Verträge einem Großteil ihrer Macht beraubt, da die erstarkenden ostfriesischen Stände, die durch die Ostfriesische Landschaft an der Macht in der Region beteiligt waren, immer selbstbewusster gegen das durch sich selbst geschwächte Haus Cirksena vorgingen. Dieser Trend setzte sich unter dem Nachfolger Enno III. Cirksena fort, der kaum noch politische Macht besaß. Der Großteil der Macht lag seit seiner Regierung bei der Ostfriesischen Landschaft, deren Mitglieder von den Ostfriesischen Ständen (Ritterschaft, Bauern und Städtevertretern) gestellt wurden.

In den Jahren 1597 und 1598 brach in der Stadt die Pest aus. Von Bernhard Elsenius wurde der Seuchenverlauf relativ detailliert geschildert.

17. Jahrhundert

Ein bedeutender Konfliktpunkt im 17. Jahrhundert war die Steuerpolitik der Grafen. Der Streit eskalierte im Jahre 1602, als Graf Enno III. die Stadt eroberte, nachdem sie ihm die Huldigung verweigert hatte. Enno erkannte Norden sämtliche Privilegien ab und erteilte diese erst nach erfolgter Huldigung wieder. Das Söldnerheer, das Enno III. nach Norden schickte, wurde von Oberst Joost von Landsbergen und Wilhelm zu Knyphausen angeführt, die die aufrührerischen Bürger auf den Marktplatz zitierten. Unter Androhung der Todesstrafe wurde ihnen nahegelegt, Enno III. zu huldigen und eine Strafe von 30.000 Reichstalern zu zahlen. Die Soldaten besetzten die Häuser der Bürger, wobei es Am Markt 22 zu einer blutigen Auseinandersetzung mit Hinrich von Lingen kam, der die Soldaten nicht bei sich einquartieren lassen wollte. Letztlich wurden elf Bürger verhaftet und nach Aurich überführt. Ansonsten endete die Besetzung unblutig und damit, dass 26 wohlhabende Bürger die Summe aufbrachten und die Bürgerschaft dem Grafen am 2. Juni des Jahres huldigte.[29]

1611 brach erneut die Pest aus. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und Ulrich II. Cirksena sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte Ulrichsgymnasium sowie das Ulricianum in Aurich.

Für die Landwirtschaft bedeutete die Zeit nach der Mansfelder Besatzung einen Strukturwandel. Wurden die Marschgebiete vor allem zur Viehzucht genutzt, nutzte man nun einen Großteil der verfügbaren Flächen für den Ackerbau, da der Rinderhandel zum Erliegen gekommen war und sich durch die massiven Schäden im Reich auch keine schnelle Erholung abzuzeichnen wagte. Um weiteres Ackerland zu gewinnen, wurden der Süder-Charlottenpolder und der Wester-Charlottenpolder. Stadt und Land wurden dadurch von Getreideimportieren unabhängiger.[30] Auch das Bierbrauen wurden bedeutender, 1659 wurden ganze 30 Brauereien in Norden verzeichnet.[31] Oftmals brauten diese jedoch nur für die eigene Schankwirtschaft, zudem soll das Norder Bier keine besonders gute Qualität gehabt haben, sodass man lieber auf Bier aus Bremen oder Hamburg zurückgriff.

18. Jahrhundert

Bei der Weihnachtsflut im Jahre 1717 wurde das Norder Stadtgebiet erneut schwer getroffen. In der Folge wird Itzendorf an das Meer verloren und später ausgedeicht. Die Fluten reichten bis in den Innenstadtbereich von Norden und sollen bis 8 Fuß hoch (etwa 2,50) gereicht haben.[32] Heute erinnert noch eine kleine Untiefe in der Nordsee, die Itzendorfplate, an den Ort. Außerdem bezeichnet man noch die Region um den Campingplatz an der Deichstraße als Itzendorf.

1724 beginnt der sogenannte Appell-Krieg, ein Konflikt zwischen Georg Albrecht Cirksena und den ostfriesischen Ständen um die Steuerhoheit in der Region. 1727 holte sich der Fürst dänische Truppen zur Unterstützung ins Land, die eins ihrer Lager im Alten Rathaus aufschlugen. Nach heutiger Definition kann der Appell-Krieg als Bürgerkrieg angesehen werden. Einer der wichtigsten Auswirkungen war, dass sich das Königreich Preußen eine Anwartschaft auf Ostfriesland für den Fall fehlender männlicher Erben sichern konnte. Tatsächlich starb Carl Edzard Cirksena im Jahr 1744 als letzter seines Geschlechts kinderlos in Aurich. Ostfriesland fiel dadurch an Preußen unter Friedrich dem Großen. Die mysteriösen Umstände seines Todes sowie die preußische Anwartschaft legen eine Vergiftung durch preußische Spione bzw. Attentäter nahe.

Die neuen Herren brachten jedoch neuen Wind in das eher strukturschwache und eigenbrötlerische Ostfriesland. Die Preußen förderten den Landesausbau, besonders durch Moorkolonisierung, aber auch durch Eindeichungen, wodurch das südlich von Norden gelegene Land weiter wächst. Auch das preußische Verwaltungswesen erwies sich als überaus förderlich für die allgemeine Stadtentwicklung. Eine nicht unwesentliche, wenngleich auf den ersten Blick eher kleine Neuerung, war die Einführung einer festen Hausnummerierung durch die Einführung von Grund- und Hypothekenbüchern durch eine königliche Verordnung vom 26. April 1751. Das bisherige Rottwesen wurde jedoch noch bis 1904 beibehalten und auch die für heute typische Hausnummerierung nach Straßen und damit einhergehend einer straßeneigenen Nummerierung wurde erst 1904 eingeführt. Bis dahin nummerierte man alle Häuser der Reihe nach, unabhängig von Straßen, beginnend Am Markt, Ecke Mühlenstraße, lief dann zur Osterstraße, hier die Nordseite hinauf bis Doornkaat, bog dann in den Neuen Weg ein und verfuhr so auch bei allen weiteren Straßen auf- und abwärts. Neubauten wurden mit Buchstaben hinterlegt, was die allgemeine Orientierung in der Stadt sicherlich zunächst insgesamt erleichterte, doch spätestens der wirtschaftliche Aufschwung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts brachte das Ordnungssystem an seine Grenzen. Beispielsweise hatten in der Rosenthallohne neun Häuser eine Hausnummer, die die Buchstaben mit den a bis h zugewiesen bekamen.[33]

Da die ostfriesische Landeskasse schwer verschuldet war, ließen die Preußen auch viele alte Adelssitze (Burgen und Wehrhäuser) aus Kostengründen dem Erdboden gleichmachen. Die hieraus gewonnenen Steinen kamen dabei oftmals auch beim Bau von Sielen, wie etwa dem Fridericussiel zum Einsatz, welche die Preußen nicht mehr aus Holz, sondern aus Stein errichten ließen.

1754 wurde die Landschaftliche Brandkasse (Feuer-Sozietät) als Brandversicherung nach vierjährigen Verhandlungen der Städte und Gemeinden mit der preußischen Kriegs- und Domänenkammer (Vorläufer der Ämter als geografisches Ordnungsglied) eingeführt. 1783 erhielt Norden erstmals eine Brandordnung.[33] Allgemein entwickelte sich die Stadt unter preußischer Herrschaft zu einer der wohlhabendsten Städte der Region. In einem Bericht des Magistrats vom 29. März 1776 wurde hierbei die hohe Zahl der Gold- und Silberschmiede als Indikator für den beträchtlichen Wohlstand der Stadt herangezogen.[34]

Nachdem bereits 1756 das Große Norder Siel erbaut wurde, folgt 1775 das Fridericussiel.[35] Im gleichen Jahr gründeten Justus Friedrich Steinbömer und Johann Heinrich Lubinus die Rauchtabakfabrik Steinbömer & Lubinus am Neuen Weg, die sich für die wirtschaftliche Entwicklung Nordens als sehr förderlich erweist und zum ersten, großen Unternehmen der Stadt wurde, da die Mitarbeiterzahl mehr als die übliche, geringe Größe von einer Handvoll Mitarbeiter der vielen Familienbetriebe überstieg.[34]

1794 gründen sieben Norder Kaufleute und Bürger aus Hage die Fehnsiedlung Norderfehn (heute Berumerfehn) und die Norder Fehngesellschaft. Sie bauten dort Torf ab, das seinerzeit das gängigste und wichtigste Heizmittel in Ostfriesland war. Dazu gruben sie den heutigen Berumerfehnkanal, der den Norder Hafen mit der neuen Fehnkolonie verband. Auf rund 1500 Hektar Fläche wurde der Torf gestochen und - erstmals 1797 - mit kleinen Schiffen auf dem Kanal nach Norden transportiert. Die Stadt wurde damit unabhängig von den zuvor nötigen Importen des Brennmaterials, das bis dahin vor allem aus dem Groningerland und dem Saterland beschafft wurde.

1799 bis 1800 sowie erneut von 1801 bis 1802 werden auf Anordnung des preußischen Generals Leberecht von Blücher jeweils eine Kompanie Füsiliere (mit Steinschlossgewehren bewaffnete Infanteristen) in Norder Privathäusern einquartiert.[36]

19. Jahrhundert

Im eingehenden 19. Jahrhundert konnte Norden auf ein reges Wirtschaftsleben zurückblicken. Unter anderem gab es 18 Branntweinbrennereien, gut 100 Garn- und Leinenweber, zwei Hutmacher mit fünf Beschäftigten, sieben Kalkbrennereien mit 49 Arbeitern, drei Lohgerbereien mit 12 Arbeitern, eine Ölmühle mit drei Arbeitern, zwei Peldemühlen (die Deichmühle und die Frisiamühle) mit je vier Arbeitern, eine Stärkefabrik mit fünf Arbeitern, fünf Tabakfabriken mit 42 Arbeitern, zwei Töpfereien mit drei Arbeitern, zehn Wollwebereien mit zehn Arbeitern sowie zehn Zwirnfabriken mit 77 Arbeitern.[37]

1806 fiel Ostfriesland unter die Herrschaft von Napoleon Bonaparte und wurde zunächst Teil des Königreichs Holland, einem französischen Vasallenstaat, der von Napoleons Bruder Louis regiert wurde. Später wurde es unmittelbarer Teil Frankreichs. Die Stadt wurde dabei ab dem 22. November 1806 vom 1. Bataillon des 9. Regiments der Königlich Holländischen Infanterie unter Capitain Hoffmann besetzt. Die Norder Bürger hatten nun die Soldaten zu versorgen und ihnen Unterkunft zu bieten. Der Magistrat ermahnte die Bürger dazu, sich nicht mit den Besatzern zu streiten oder gar zu prügeln, da es zu häufigen Reibereien kam.[38]

Ebenfalls im Jahr 1806 wurde die Firma Doornkaat vom niederländischen Kaufmann Jan ten Doornkaat Koolman gegründet, das über fast 200 Jahre zum bedeutendsten privaten Arbeitgeber der Stadt wurde. Ab 1810 wurde Norden dem Départements Ems-Oriental zugerechnet. Die französische Seeblockade (Kontinentalsperre) gegen England bescherte dem Norder Seehandel einen schweren Schlag.[38] Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre errichteten die Franzosen mehrere Zoll- und Wachthäuser, so etwa das Zollhaus am Norder Außentief in Westermarsch oder das Zollhaus in Utlandshörn. Beide Gebäude sind bis heute erhalten. Verlorene Zeitzeugen dieser Zeit sind das Wachthaus bei Itzendorf sowie das zum Westermarscher Zollhaus gehörende Zollwachthaus, das im Bereich der heutigen Kurbelpünt lag.

Nach dem Sieg des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher über Napoleon bei der Schlacht von Waterloo, an der auch Norder Landwehrsoldaten teilnahmen, fiel Ostfriesland aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815 an das Königreich Hannover. Die Norder taufen später den westlichen Teil des Marktplatzes zu Ehren des siegreichen Generals auf den Namen Blücherplatz. Am 12. Februar 1820 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die am 1. März des Jahres in Kraft trat.[39] 1838 bis 1839 bekam Norden erstmals eine Straßenbeleuchtung.[40]

In den 1840er Jahren wurden in Ostfriesland mehrere Chausseen angelegt, die die hiesigen Städte miteinander verbinden. Dazu zählt die 1844 fertiggestellte Chaussee von Norden nach Emden, die zudem ab Georgsheil einen Anschluss nach Aurich sicherte. Heute ist dies die Bundesstraße. Von 1844 bis 1846 wurde im Süden des heutigen Stadtgebiets der Ernst-August-Polder (benannt nach dem Hannoverschen König) eingedeicht. Die Chaussee nach Hage kam 1856 hinzu, neun Jahre später wurde sie bis Arle verlängert (Vorläufer der heutigen Landesstraße 6). Die Heerstraße ist Teil dieser alten Chaussee und verläuft auf einem alten Heerweg, der Teil des sogenannten Friesischen Heerwegs war.

Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Norden zu politischen Umbrüchen und einem größer werdenden Interesse an politischer Teilhabe. So kam es beispielsweise zur Gründung eines Bürgervereins, dessen politisches Wirken jedoch nicht von langer Dauer war. Unter der Leitung des Tabakfabrikanten Arend Wilhelm Steinbömer wird eine Bürgerwehr gegründet, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten will. Die erste Zeitung, das Norder Stadtblatt, erschien noch im selben Jahr. Weitere Verleger nutzten ebenfalls die neu gewonnene Pressefreiheit, ihnen allen war wirtschaftlich jedoch nur ein kurzes Leben beschieden. Erst 1867 wurde der Ostfriesische Kurier gegründet, der bis zum heutigen Tag das Lokalblatt des Altkreises Norden geblieben ist. Durch günstige Rahmenbedingungen gründeten sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung weitere bedeutende Unternehmen in Norden, so etwa - noch im Revolutionsjahr 1848 - die Eisenhütte. Ausschlaggebend hierfür waren besonders die gute Hafenanbindung der Stadt.

Am 9 . September 1857 besuchte König Georg V. von Hannover (Der blinde König) mit seiner Gemahlin die Stadt, sein Besuch wurde der Norder Bevölkerung von Bürgermeister Taaks drei Tage zuvor über die Rottmeister verkündet, sodass die Innenstadt ein bunt geschmücktes Fahnen- und Farbenmeer wurde. Insgesamt errichteten die Bürger zehn Ehrenbögen für den König, davon fünf im gotischen und fünf im byzantinischen Stil, die allesamt nach Art der römischen Triumphbögen gestaltet wurden. Der König und die Königin wurden durch die Stadt geführt und kehrten dabei auch im Hause des Bürgermeisters Taaks ein, der es eigens für diesen Besuch erweitern ließ.[41]

1866 kam Ostfriesland mit dem Verlust der Eigenständigkeit des hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer war zu dieser Zeit stark verlandet und die Bedeutung des Norder Hafens dadurch deutlich geringer als noch in den Jahren zuvor. Gleichzeitig begann die Bedeutung des Norddeicher Hafens zu stiegen. Die Stadt selbst war mittlerweile nur noch über das Norder Tief mit dem Meer verbunden, da die Leybucht durch massiver Eindeichungen immer weiter verkleinert wurde. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sank stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wurde der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment widersinnig klingen, aber die massiven Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos.

Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt Norddeich Mole, weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Herbst 1883 zog die Stadtverwaltung in das zugekaufte Neue Rathaus. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des gleichnamigen Landkreises, der aus den früheren Ämtern Norden und Berum bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der Frisiamühle, dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister Johannes König wurde, kommt es 1886 unter der Führung des Jan ten Doornkaat Koolman III. zur Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr. Im Jahr 1889 begann der Bau der ersten Hafenmole in Norddeich. 1898 wurde erstmals das Fernsprechnetz (Telefon) nach Norden ausgebaut.

Bis kurz vor der Jahrhundertwende war Norden eine sehr kleine Stadt. Durch Ankauf von Ländereien von der Sandbauerschaft und von Westermarsch I vergrößerte sie ihr Stadtgebiet jedoch immer mehr. So etwa 1895 mit dem Ankauf eines Stück Lands in Vierzig Diemat, um hier Schlachthof und Gaswerk zu errichten. In den Folgejahren wurden weitere Landkäufe unternommen, ehe es 1919 schließlich zur Eingemeindung der Sandbauerschaft nach Norden kam (siehe nächster Abschnitt).

1900 bis 1949

1905 wurde die legendäre Küstenfunkstelle Norddeich Radio errichtet (zunächst an der Deichstraße; heute Nordsee-Camp Norddeich), im selben Jahr hält das Automobil in der Stadt Einzug.[42][43] Zu den regionalen Pionieren der Motorisierung zählt der Tüflter Carl Freese. der als einer der ersten Norder - oder womöglich sogar als der Erste - bereits 1903 ein Motorrad besaß.[42] 1907 wurde die städtische Gasversorgung (zunächst noch mit Stadtgas, statt Erdgas) errichtet, am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen damit beliefert. Am 10. März 1914 erfolgte der Anschluss der Stadt an die Elektrizitätsversorgung.[43] Der Strom wurde vor allem vom Torfkraftwerk in Wiesmoor zugeführt.

Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren. Es dauerte aber bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden kann. Zu einem Streik kam es 1906, als die Arbeiter der Eisenhütte in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen Zeitungsannoncen die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär blutig niedergeschlagen wurden.

Auf helle Begeisterung, aber auch argwöhnische Betrachtung stoßen zwei bedeutende Neuerungen, die 1905 auch in Norden angelangen. Neben den Gebrüder Freese, die erstmals ein eigens konstruiertes Kraftfahrzeug der Veröffentlichkeit präsentieren, veranstaltet ein reisender Schausteller eine öffentliche Kinoaufführung. Der Ostfriesische Kurier titelte hierzu: Fey's Phono - Kinematograph - Die lebenden, singenden und sprechenden Photographen. Gezeigt wurden Filme wie Carnevalsaufzug in Nizza, Gretchens Liebesroman und Die berühmten Springbrunnen von Versailles.[44]

Während des Ersten Weltkriegs wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. Norddeich Radio hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömen ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu hamstern. Diese kommen zum Teil sogar ganz aus dem Rheinland und versuchen hier Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr ist, beschließt der Magistrat die Einführung von Notgeld.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1919 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiff- bzw. Zeppelinhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer Onno Behrends versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der Landkreis Norden mit seinen Kreisgebäuden am Fräuleinshof konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den Landrat Bayer erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu haben.[45] Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, ungefähr jeder vierte Norder war im Jahre 1931 arbeitslos.[46] Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin.

Zum 1. April 1919 wird die Sandbauerschaft nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen Burggraben, um hier die Gasanstalt und den Schlachthof errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der Neue Friedhof auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße Am Sportplatz.[47]

1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreicht die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab.

Spätestens im Jahre 1927, vereinzelt schon vorher, wird das judenfeindliche Klima in der Stadt immer rauer. Im genannten Jahr kommt es zur Gründung eines NSDAP-Ortsverbandes für Norden. Ein Jahr später wird eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später weist die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.[48] Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht 1928 bis 1929 der Ort Neuwesteel (anfangs Süderpolder genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau eines Siels erforderlich. Norden verliert dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der Norder Hafen damit an Bedeutung. Der Siegeszug des Norddeicher Hafens beginnt, wenngleich dieser langsam erfolgt, da der Norddeicher Hafen lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte.

Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Norden insgesamt 45,3 % der Stimmen, bei dei den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten in der Stadt sogar 48,6 % auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft sowie die anhaltende wirtschaftliche Misere zurückzuführen ist.[48][49] Schon nach einigen Tagen setzten Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen später kam es zu weiteren Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der Gaststätte Zur Börse brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Schon am Abend des 30. Januars 1933, dem Tag der Machtergreifung Hitlers, marschierten die Nationalsozialisten mit einem Fackelzug singend durch die Straßen.[50]

Am 19. April 1933 erhielt die Osterstraße den Namen Adolf-Hitler-Straße.[49] Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die Feldstraße in Horst-Wessel-Straße und die Gartenstraße in Peter-Heuer-Straße umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit arischen Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers Julius Wolff mit seiner arischen Freundin Christine Neemann.[49] Später wird Elise Extra, deren Verlobten man nicht rechtzeitig fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen" um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem "Ich bin ein Rasseschänder" stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in Schutzhaft genommen.[51]

Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine jüdische Gemeinde mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die Norder Synagoge wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das Schulhaus, das Wohnhaus des Rabbiners und das des Lehrers stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney hingegen blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am Schlachthof zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.[52] Die letzten Norder Juden wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Es gab mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden Kriegsgefangene in der Produktion der Norder Molkerei und der Eisenhütte eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.[53] Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle Norddeich Radio, der Norddeicher Hafen als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den Atlantikwall aufgerüstet wurden, der Propagandasender Osterloog und das Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine in Tidofeld. Um die Stadt herum wurden mehrere Flakstellungen und Bunker errichtet. Zum Einsatz an der Heimatflak wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am Glockenturm gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen Soldatenfriedhof auf dem Neuen Friedhof (Parkfriedhof) in Ostlintel.

Am 4. Mai treffen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer Lenhard Everwien, der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht vorgesprochen hatten, wurde die Stadt kampflos übergeben. Nachfolgend übernimmt die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führt eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten werden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch das Ulrichsgymnasium, das noch während des Krieges im Keller verbunkert wurde, dient einige Zeit als Lazarett. Auch fast alle anderen Schulen werden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers Nerobefehls platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.[54]

Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nahm die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen Ausbildungs- und Durchgangslager wurde ein Vertriebenenlager eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten Landkreis Norden wurden Ende 1946 rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter auch aus Emden, das durch den alliierten Bombenterror nahezu vollständig zerstört wurde. Diese rund 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld wurden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnten bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wird alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand.

Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernannte die britische Militärregierung am 8. Juni 1945 Dr. Albert Schöneberg. Die Entnazifizierung schreitet zügig voran, schnell erging beispielsweise die Anordnung, dass aus allen Amtsstempeln das Hakenkreuz entfernt werden muss. Auch die hiesigen Tageszeitungen wie der Ostfriesische Kurier wurden vorläufig verboten.[55] Viele Straßen, die unter den Nationalsozialisten einen neuen Namen bekamen, aber auch ältere, die nun belastet erschienen, wurden umbenannt. Dies traf nicht nur offensichtliche Straßennamen wie Adolf-Hitler-Straße (Osterstraße) oder Horst-Wessel-Straße (Feldstraße), die sofort nach Kriegsende rückbenannt wurden, sondern auch eher unscheinbare Straßennamen wie Blücherstraße (Otto-Leege-Straße) oder Graf-von-Spee-Straße (Norderneyer Straße), die jedoch erst im Laufe der Folgejahre verschwanden.

Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste Nachkriegsstadtrat. Hauptaufgabe des ernannten Stadtrates, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen Deutschen Gemeindeordnung, die damit verbundene Redemokratisierung der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung. Bereits im März 1946 wird Schöneberg durch die Militärregierung als Bürgermeister nach Vorwürfen falscher Angaben über seine nationalsozialistische Vorbelastung wieder abgesetzt. An seine Stelle tritt Johann Fischer als zweiter Nachkriegsbürgermeister. Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor Georg Schubach musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat Walter Klein an. Die Vorwürfe gegen Schöneberg konnten später entkräftet werden, sodass er 1948 wieder ins Amt zurückkehren konnte.

Obgleich auch in Ostfriesland die Not nach dem Krieg groß ist und die Region viele Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen hat, ordneten die Alliierten an, dass die Stadt 150 Fahrräder in einwandfreiem Zustand an die Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu liefern habe. Ferner seien 3.300 Decken abzugeben. Beide Ziele konnten nicht ansatzweise erfüllt werden, was allerdings folgenlos blieb. Um dem Mangel an Brennmaterial zu begegnen, wurde Norder Bürgern auf Antrag eine Moorfläche außerhalb der Stadt zugewiesen, damit diese dort Torf abbauen konnten.[56]

1950 bis 1959

Von 1947 bis 1950 wurde der Leybuchtpolder eingedeicht, auf dem später der gleichnamige Ort - zunächst als eigenständige Gemeinde - entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der Leybucht geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen Störtebekerdeiches vor der Küste Leybuchtpolders. Bei der Vergabe des neuen Landes wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. "Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist", hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich, dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar sowie mehrere kleinere Höfe und Häuser.

Nördlich der historischen Kernstadt entstand das neue Stadtviertel Norden-Neustadt auf dem Grunde von Ostlintel und Westlintel, vornehmlich, um die Vielzahl der Vertriebenen angemessen unterzubringen. Bis heute erinnert ein Großteil der Straßennamen an die Vergangenheit der Bewohner, da sie überwiegend nach ehemals deutschen Städten wie beispielsweise Königsberg, Breslau oder Stettin benannt wurden. Dank der Währungsreform im Jahre 1948 linderte sich die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung zunehmend, sodass die Lebensmittelrationierung im März 1950 beendet werden konnte.[57] Das aufkommende Wirtschaftswunder führte einerseits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlstands, andererseits drängten viele geburtenstarke Jahrgänge auf den Markt und nicht alle die wollten, fanden sofort eine Arbeit. Auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. So wanderten viele junge Norder ab, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet, wo nicht wenige im Bergbau eine Beschäftigung fanden.[58] Mit dem Wirtschaftswunder verließen auch viele ehemals Geflüchtete und Vertriebene die Stadt wieder auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen.

Am 1. Januar 1951 traf der schwedische Fußballverein Nybro Idrottsförening in Norden ein und spielte gegen den FC Norden. Eswar das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund Nordens; es kam zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Zum 5. Oktober 1951 erhielt die Stadt eine neue Verfassung.[59] Ihr stand nun ein Bürgermeister mit eher repräsentativen und ein Stadtdirektor für die eigentliche Verwaltungsleitung vor. 1952 wurde Tidofeld, damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der Kernstadt. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt Vierzig Diemat der seinerzeit noch eigenständigen Gemeinde Westermarsch I ab, um hier weiteres Bauland erschließen zu können. Anders als Vierzig Diemat wurde Tidofeld im Jahre 1996 ein eigenständiger Stadtteil.

Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der Kanalisation, begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die Nadörster Schule. Schon jetzt wurden Rufe nach einer Umgehungsstraße für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und Landkreis.[60] Mit dem Slogan Das Grüne Tor zum Meer wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben.

Vom 24. Juni bis 3. Juli 1955 feierte die Stadt die 700-Jahrfeier, die an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im Norder Vertrag von 1255 erinnern sollte.[61] Bis heute wird dieses Jahr fälschlicherweise als Gründungsdatum der Stadt angesehen. Tatsächlich erfolgte eine formelle Stadtgründung erst im Jahre 1277.

1960 bis 1969

Zum 1. Dezember 1965 wurden die bis dahin eigenständigen Gemeinden von Westermarsch I, Westermarsch II, Neuwesteel und Leybuchtpolder zur Samtgemeinde Leybuchtpolder zusammengefasst. Für die bessere medizinische Versorgung im Landkreis wurde 1966 ein neues Kreiskrankenhaus an der Osterstraße errichtet. Das Städtische Krankenhaus an der Feldstraße wurde entwidmet und an die Stadtwerke Norden übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon kurz nach dem Krieg abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der Kastanienallee, die bis heute als Vereinsheim für drei Norder Vereine dient, erhalten.

Ab 1968 wurde eine umfangreiche Altstadtsanierung durchgeführt, der ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer fiel. Die Gebäude an der nördlichen Kirchstraße, der Sielstraße, der Großen Lohne und Steenbalgen wurden hierbei vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere Mehrfamilienhäuser und dazu drei Wohnhochhäuser auf dem heutigen Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz, der bis dahin noch ein Teil der Kirchstraße war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer Tiefbunker errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der Bahnhofstraße und der Norddeicher Straße weichen.

Unzählige weitere, stadtbildprägende und bedeutende Gebäude wurden - zum großen Teil ohne jegliche Not - abgerissen und entweder durch nichtssagende Neubauten, Parkplätze oder Straßenzüge ersetzt. Gebäude wie das Schöninghsche Haus und das Vossenhus entkamen nur knapp diesem Schicksal. Da jedoch in den 1970er Jahren allmählich ein Umdenken stattfand, wurde glücklicherweise ein Großteil der historischen Baustruktur erhalten. Ein sehr gutes Beispiel für diesen Sinneswandel sind die große Bemühungen um den detailgetreuen Wiederaufbau der Dritten Schwester oder der Erhalt des Engenahofs (heute Polizeikommissariat), bei dem zwar der marode Innenteil abgerissen, die historisch wertvolle Fassade sowie der Kellerbau jedoch erhalten wurden.

Am 11. August 1969 wurde die englische Stadt Bradford-on-Avon zur Partnerstadt Nordens.[62][63] Später benannte man ihr zu Ehren die Bradforder Straße in Westlintel.

1970 bis 1979

Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil Norddeich erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden die Seehundstation (die sich zuvor noch am Schwanenteich befunden hatte), ein Meerwasserhallenbecken, neue Promenaden und ein aufgespülter Sandstrand.[64] Dies führte dazu, dass Norddeich seit 1979 die offizielle Bezeichnung Staatlich anerkanntes Nordseebad zuerkannt wurde. Norden-Norddeich ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte Großer Krug zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa Am Markt, die Uffenstraße und die Heringstraße. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte Pannkooksboom weichen, der 1971 gefällt wird.[65]

Durch die niedersächsische Kommunalreform 1972 kamen die bis dahin selbstständigen (Samt-)Gemeinden Leybuchtpolder, Neuwesteel, Norddeich, Ostermarsch, Süderneuland I, Süderneuland II, Westermarsch I und Westermarsch II zum Stadtgebiet und wurden fortan als Stadtteile gezählt. Auch Bargebur wurde von der Gemeinde Lütetsburg abgespalten und Norden zugewiesen. Bei der Kreisreform 1977 wiederum verlor die Stadt den Sitz des gleichnamigen Kreises und gehört seither als Mittelzentrum zum Landkreis Aurich mit der Kreisstadt Aurich. Dies war vor allem bedingt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt und des Umlandes sowie der geringeren Einwohnerzahl gegenüber dem Altkreis Aurich. Zudem war Aurich seit den Cirksenas und später als Sitz der preußischen Regierungsbehörden von größerer Bedeutung und eine Behördenstadt.

Steigende Arbeitslosigkeit und mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten führten bei der aufstrebenden Nachkriegsgeneration zu großer Resignation. Lange und konfliktreiche Verhandlungen erreichten schließlich den Bau eines Jugendzentrums an der Parkstraße.[64]

1980 bis 1989

Wirtschaftlich ging es Norden in den 1980er Jahren außerordentlich schlecht. Die Schließung eines erst 1970 errichteten Zweigwerks des Büromaschinenherstellers Olympia in Tidofeld und der langsame Niedergang von Doornkaat sowie weiterer Betriebe trieben die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Beinahe 30 % der Norder Erwerbsfähigen waren zu dieser Zeit arbeitslos gemeldet. Der traurige Höchststand wurde am Jahresbeginn 1986 mit 29 % erreicht.[62]

1989 erfolgte die Umwandlung des Neuen Wegs und der westlichen Osterstraße zu (provisorischen) Fußgängerzonen. Fortan verwaiste der südliche Neue Weg und wurde kaum noch frequentiert. Ein Umstand, der sich bis heute erhalten hat. Um den Einkaufsstandort Norden zu fördern, entwickelten Norder Kaufleute in den 1980er Jahren den Werbeslogan Kam mal na Nörden (Komm' mal nach Norden).[66]

1990 bis 1999

1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern zur Partnerstadt von Norden.[62] Es war damit die zweite Stadt neben dem englischen Bradford-on-Avon. Auch zu Ehren von Pasewalk benannten die Stadtobersten eine Straße.

In den 1990er Jahren siedelten sich wieder vermehrt Betriebe an, vor allem Leegemoor, das sich fortan zu einem blühenden Gewerbegebiet entwickelt. Die hohe Arbeitslosigkeit nahm dadurch sukzessive ab, ist aber - bis heute - regelmäßig die höchste in Ostfriesland. Das Ende des 1980er Jahre begonnenen Provisoriums, eine Fußgängerzone aus dem Neuen Weg zu machen, wurde durch Baumaßnahmen umgesetzt. Die Fahrbahn wurde verkleinert, die Gehwege verbreitert. 1999 wurde auch die innerstädtische Osterstraße verkehrsberuhigt, bleibt jedoch aufgrund ihrer Wichtigkeit für den Kraftfahrzeugverkehr eine reguläre (Einbahn-)Straße.[62] Langsam, aber sicher entwickelt sich die Stadt vorwiegend in einer Nord-Süd-Achse mit wirtschaftlichem Schwerpunkt im Süden und touristischem im Norden.[67] Schon in den 1980er Jahren, mehr noch in den 1990er Jahren, war die Stadt dazu übergegangen, den Marktplatz Stück für Stück attraktiver zu gestalten, den Gebäuden historische Details zurückzugeben und historische Merkmale nachträglich besonders hervorzuheben.

1996 wurde Tidofeld, das seit seiner Eingemeindung im Jahr 1952 zur Kernstadt gehörte, ein eigenständiger Stadtteil. Die Gründung des neuen Stadtteils ging einher mit der Bebauung der Flächen nördlich der Heerstraße. Im September des Jahres manipulierten drei SPD-Kandidaten die Kommunalwahlen, sodass diese nach einer erfolgreichen Klage vor dem Oldenburger Verwaltungsgericht am 8. November 1998 wiederholt werden musste.[68]

Die Geschichte der stolzen Küstenfunkstelle Norddeich Radio endete am 31. Dezember 1998. In das Gebäude zog nachfolgend ein Callcenter einer Telekom-Tochtergesellschaft ein.

2000 bis 2009

Durch Ausweisung mehrerer Neubaugebiete wuchs der (erweiterte) Stadtkern vor allem Mitte der 2000er Jahre beträchtlich. Unter anderem wurden zahlreiche Neubauten in Vierzig Diemat (nördlich der Straße Am Norder Tief) sowie westlich des Warfenwegs erschlossen.

2005 feiert die Stadt die 750-Jahrfeier und gedenkt dabei der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1255 im sogenannten Norder Vertrag. Wie schon bei der 700-Jahrfeier im Jahre 1955 wird die Ersterwähnung der Stadt fälschlicherweise mit dem Gründungsdatum verwechselt. Nichtsdestotrotz feiern die Norder ausgelassen mit Straßenfesten, Aufführungen und allerlei weiteres Programm. Eines der Highlights ist die Nachstellung des Brandes der Andreaskirche im Jahre 1531 nach Brandschatzung durch Balthasar von Esens. Die Andreaskirche wird hierbei zwar lediglich etwas spartanisch mittels Gerüst dargestellt, doch bietet das Schauspiel drumherum einen kleinen Einblick in die Stadthistorie.

Am Sonntag, den 2. Juli 2006 wird die Norder Innenstadt im Rahmen des Ab.in.die.Mitte-Projekts Norden-Nordsee: Natürlich mit Wasser zum Ort eines besonderen Schauspiels. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk bauten gemeinsam einen ein Kilometer langen Wasserlauf quer durch die Stadt von der alten Pumpe auf dem Marktplatz gegenüber Rathaus bis hin zum Cage, wo das Wasser schließlich in das Norder Tief mündete. Der etwa eineinhalb Meter breite Wasserlauf hatte eine Gefällstrecke von etwa drei Metern, an drei Stellen wurde das Brunnenwasser eingespeist. Schätzungsweise zwei Millionen Liter Wasser flossen so durch die Stadt. Der Hintergrund der Aktion Leben an und auf der Wasserstraße geht auf die bauliche Entwicklung Nordens im Stadtkernbereich zurück: Bis vor etwa 150 Jahren existierte an der rückwärtigen Seite der Geschäftsgrundstücke am Neuer Weg in Nordsüdrichtung ein Die Helle genannter, offener Wasserlauf. Dieser begann im Garten der Behrendsschen Villa (heute WBZ-Garten) und mündete in Höhe der Dammstraße in das Norder Tief.[69]

Nach Jahrzehnten der Diskussion und des Bemühens um Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan erhielt Norden im Jahr 2009 endlich eine Umgehungsstraße, die Teil der Bundesstraße 72 wurde. Durch den Bau wurde die innerstädtische Verkehrsbelastung erheblich reduziert. Zugleich verloren die Bahnhofstraße, Burggraben die Norddeicher Straße ihren Status als Bundesstraße und werden zu Landesstraßen.

2010 bis 2019

2010 erhielt Norddeich den Status als Staatlich anerkanntes Nordseeheilbad (seit 1979 bereits Staatlich anerkanntes Nordseebad), was der höchsten touristischen Anerkennungsstufe für Orte an den deutschen Küsten entspricht. Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdenken und die Machbarkeit prüfen wollen. Bei einem Bau einer gemeinsamen Klinik dort würden die beiden Standorte der Ubbo-Emmius-Klinik sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus ist damit besiegelt, aber genaueres noch offen.

Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit entwickelte bzw. abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete Auf dem Lehmstück und Südlich Wigboldstraße nicht in Norden, sondern dem seit jeher ländlich und landwirtschaftlich geprägten Westermarsch II erschlossen.

In der Amtszeit von Bürgermeister Schmelzle vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der Rat der Stadt Norden eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf Antrag der SPD-Fraktion auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der Altstadtsanierung in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr.

Der Stadtrat versuchte einerseits, dem Problem durch Programme zur Kaufförderung älterer Häuser durch junge Familien zu begegnen (Jung kauft Alt), doch beschloss praktisch zeitgleich und paradoxerweise die eklatanten Erhöhungen beim Wohnbauland. Auch Bürgermeister Schmelzle stellte sich nicht gegen die Zerstörung des Stadtbilds, was ihm insbesondere im Vorfeld der Kommunalwahlen 2021 umfassende Kritik der Bürgerschaft und anderer Kandidaten um das Amt des Bürgermeisters einbrachte.

Die Entscheidung der Gebührenerhöhung bei der Baulandvergabe wurde vor allem mit gestiegenen Erschließungskosten begründet. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden vergibt Norden seit 1993 alle nicht-hoheitlichen (alle nicht zwingend durch staatliche Stellen zu bewältigenden) Aufgaben zur Baulanderschließung an private Investoren, während selbst kleine Kommunen mit bedeutend kleinerem Verwaltungsapparat wie die Samtgemeinde Hage selbst Bauland erschließen und dadurch deutlich günstigere Preise anbieten können. Hierdurch erhalten diese sich die Kaufkraft und den Anteil der kommunalen Zuteilungen der Einkommenssteuer junger Familien bzw. steigern diese durch entsprechenden Zuzug sogar noch. Anhand entsprechender Punktesysteme werden zudem einheimische Personen bzw. Familien mit Bezug zur Gemeinde anderen Bewerbern, insbesondere nicht mehr einkommenssteuerpflichtigen Senioren und Zweit- und Drittwohnungssuchenden aus Nordrhein-Westfalen sowie Investoren, vorgezogen.

2020 bis 2029

Die COVID 19-Pandemie erreichte im Frühjahr 2020 auch die Stadt Norden. Ab dem Sommer wurde vom Landkreis Aurich das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes im innerstädtischen Bereich und an frequentierten Bereichen im Norder Hafen verfügt. Zeitweise kam es zu einem Aufenthaltsverbot für Zweitwohnungsbesitzer und Personen mit touristischen Intentionen. Dies führt dazu, dass der sonst stark frequentierte Ortskern zu Ostern 2020 einer Geisterstadt glich. Zum Sommer hin kehrte der Tourismus, in geringerem Maße und durch zahlreiche Vorschriften eingeschränkt, zurück. Durch anhaltende Schließungen gastronomischer Betriebe und Beherbergungsstätten verloren zuvor viele Menschen ihre Arbeit oder konnten nur dank Kurzarbeitergeld bzw. staatlichen Zuschüssen ihre (wirtschaftliche) Existenz bewahren. Erst im Frühjahr bzw. Sommer 2021 wurden die Regelungen nach und nach gelockert, auch vor dem Hintergrund der ersten Impferfolge, sodass der Tourismus ab Ostern 2021 wieder an Fahrt gewinnen konnte. Die Zahl der Tagestouristen erreichte dabei einen neuen Höchststand, was aus pandemischer Sicht als kritisch betrachtet wurde.

Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte Bürgermeister Schmelzle gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während Florian Eiben als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % hinter sich bringen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.[70] In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der Ausverkauf der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser Rollladensiedlungen mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Schmelzle selbst befeuerte die kontroversen, diesbezüglich über ihn geführten Diskussionen, indem er sich im Wahlkampf gemeinsam mit einem hiesigen Großinvestoren und Parteifreund, der sich einen Einzug in den Stadtrat erhoffte, ablichten ließ. Dennoch war seine Amtszeit durchaus auch von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa dem umfangreichen Ausbau des Norddeicher Strands (Masterplan Wasserkante) und dem Kauf des ehemaligen Doornkaatgeländes.

Verwaltung und Politik

Vergangenheit

Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die Friesische Freiheit bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (Redjeven) wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.

Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Prinzipien der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die Zweite Marcellusflut im Jahr 1362 und eine verheerende Pestepidemie um 1350 geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. In der Westermarsch gelangten zunächst die Idzinga an die Macht, deren Hauptsitz in Itzendorf in der östlichen Westermarsch war. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.

Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling Ulrich Cirksena in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Die Cirksena regierten noch bis 1744, als ihr Geschlecht im Mannesstamm erlosch und Ostfriesland an Preußen fiel. Das Amt Norden (Vorläufer des Landkreis Norden) wurde durch vom Grafen bzw. Fürsten eingesetzte Vogte und Drosten verwaltet, deren Aufgabe in etwa mit denen eines Landrats vergleichbar sind. Unter ihnen standen die Norder Bürgermeister, von denen es - anders als heute - grundsätzlich zwei oder mehr Bürgermeister gab, die praktisch nur die Beschlüsse des Stadtrates bzw. des Landesherren umsetzten. Die Liste der Bürgermeister der Stadt Norden lässt sich bis in das späte 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Gesamtheit aus Rat und Bürgermeistern wurde Magistrat genannt.

Egal ob unter preußischer oder hannoverscher Herrschaft: Die Norder scheinen im Gros treue, kronloyale Untertanen gewesen zu sein.[71] Bis heute hat sich an der überwiegend konservativen Einstellung nicht viel geändert, auch wenn die Zeiten liberaler sind als früher und keine bürgerlich-konservative Oberschicht mehr den Ton in der Gesellschaft angibt. Nach dem Erstarken der Sozialdemokratie ist Norden insbesondere seit der Nachkriegszeit eine ihrer Hochburgen und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands lange Zeit die Partei mit den meisten Stimmen. Arbeiterbewegungen (1875 gab es erste, erfolglose Versuche, eine Gewerkschaft zu etablieren) hatten in Norden und in Ostfriesland allgemein jedoch Schwierigkeiten, Fuß zu fassen, da die soziale und staatliche Kontrolle war und zudem auswärtige Agitatoren kaum Stimmung machen konnte, da diese - anders als die Ostfriesen - nur hochdeutsch sprachen. Nicht zuletzt wegen mehrerer, auswärtiger Arbeiter, die 1894 und 1895 beim Wiederaufbau des 1893 niedergebrannten Lütetsburger Schlosses mithalfen und eifrig Stimmung bei ihren einheimischen Kollegen machten, war aber auch hier der Siegeszug sozialdemokratischer Bewegungen nicht mehr aufzuhalten.[72]

Administrativ war die Stadt bis 1904 in sogenannte Kluften unterteilt, die wiederum in Rotten zerfielen. Es gab die Norderkluft, die Osterkluft, die Süderkluft und die Westerkluft. Eine Hausnummerierung gab es bis dahin nur jeweils innerhalb diesen Kluften, Straßennamen spielten nur eine untergeordnete, eher alltagssprachliche Rolle bzw. waren größtenteils noch gar nicht vergeben.

Gegenwart

Am 8. Juni 1945 ernannte die britische Militärregierung Dr. Albert Schöneberg zum ersten Nachkriegsbürgermeister der Stadt Norden. Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste Nachkriegsstadtrat. Hauptaufgabe des ernannten Stadtrates, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen Deutschen Gemeindeordnung, die damit verbundene Re-Demokratisierung der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung. Bereits im März 1946 wurde Schöneberg durch die Militärregierung als Bürgermeister abgesetzt. An seine Stelle trat Johann Fischer als zweiter Nachkriegsbürgermeister.

Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor Georg Schubach musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat Walter Klein an.

Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der Johann Fischer (SPD Norden) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat Dr. Albert Schöneberg. Stellvertretender Bürgermeister wurde der RSF-Ratsherr Wieland Nordwall. 1956 wurde Johann Fischer wieder ins Bürgermeisteramt berufen. Dessen Nachfolger wurde 1959 der SPD-Ratsherr Hinrich Donner.

Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.[73] Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei.

Von 1964 bis 1998, also mehr als drei Jahrzehnte, war Norden eine Hochburg der SPD. Die Sozialdemokraten erhielten bei Kommunalwahlen meistens die absolute Mehrheit der Stimmen, bei der Kommunalwahl 1972 waren es 60 Prozent der Stimmen. Die Sozialdemokraten stellten auch den Bürgermeister. Mehrere Norder SPD-Politiker vertraten den Wahlkreis Aurich/Emden im Bundestag und den Wahlkreis Norden im Niedersächsischen Landtag, so etwa Walter Theuerkauf. Auf kommunaler Ebene ist die SPD zwar nach wie vor stärkste Kraft, hatte jedoch bereits bei der Wahl 1998 ihre absolute Mehrheit eingebüßt und stellte auch nicht mehr den Bürgermeister. Ein Bündnis aus CDU, FDP und der freien Wählergemeinschaft ZoB löste im Stadtrat die SPD als dominierende Kraft ab. Dies wiederholte sich bei den Kommunalwahlen 2001, 2006 und 2011. Hintergrund waren Turbulenzen nach der turnusgemäßen Kommunalwahl 1996. Drei SPD-Kandidaten wurden beschuldigt, durch Manipulationen höhere Ergebnisse erzielt zu haben. Das Verwaltungsgericht Oldenburg wurde bemüht und kam zu dem Urteil, dass die Wahl wiederholt werden müsse. Dies geschah am 8. November 1998; die SPD verlor dabei ihre absolute Mehrheit.

Bei Landtags- und Bundestagswahlen galten die Wahlkreise, in denen die Stadt Norden liegt, ebenfalls lange als Hochburgen der SPD. So erreichte sie bei der Bundestagswahl 2005 im Wahlkreis Aurich/Emden mit 55,9 Prozent der Zweitstimmen noch das beste Ergebnis dieser Partei in Deutschland. Bei der Bundestagswahl 2009 allerdings mussten die Sozialdemokraten deutliche Verluste hinnehmen und rutschten erstmals seit Jahrzehnten unter die 40-Prozent-Marke.

Bei der Wahl zum niedersächsischen Landtag 2008 erreichte die SPD mit 41,8 Prozent der Zweitstimmen zwar das beste Ergebnis unter allen niedersächsischen Wahlkreisen, blieb aber ebenfalls klar hinter den Ergebnissen vergangener Landtagswahlen zurück, die oft bei mehr als 50 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen lagen. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen 2013 konnte sich die SPD auf 46,4 Prozent verbessern.

Die Wählergemeinschaft ZoB (Zukunftsorientierte Bürger), 1995 gegründet, ist inzwischen zweitstärkste Fraktion im Norder Rat. Ihre Mitglieder sind nicht allein vorher parteilose Bürger, sondern auch mehrere ehemalige SPD-Politiker, die ihrer Partei aus Unzufriedenheit den Rücken kehrten. Mit Barbara Schlag stellte die Partei von 1998 bis 2016 das Amt des Bürgermeisters. Von 1998 bis 2001 bekleidete sie das Amt ehrenamtlich, danach hauptamtlich. Dies war Folge einer Neuerung der Niedersächsische Gemeindeordnung im Jahre 1996, wonach das Amt des Oberstadtdirektors abgeschafft wurde, der bis dahin die Verwaltung leitete, während der Bürgermeister hauptsächlich repräsentative Aufgaben wahrnahm. Da jedoch alle noch amtierenden Oberstadtdirektoren bis zum Ende ihrer Dienstzeit im Amt bleiben durften, wurde sie erst 2001 hauptamtliche Bürgermeisterin. Barbara Schlag war damit nicht nur die erste hauptamtliche Bürgermeisterin von Norden, sondern auch die erste Frau überhaupt in diesem Amt.

Seit dem 1. November 2016 ist Heiko Schmelzle (CDU) hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Norden. Ihm folgte zum 1. November 2016 Florian Eiben ins Amt.

Bildung und Medien

Die genauen Anfänge des Norder Schulwesens lassen sich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Sicher ist, dass es bereits Klosterschulen im Kloster Marienthal und im Kloster Norden gab, deren Mönche als strenge, aber gute Lehrer galten. Spätestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts ist schließlich eine (private) Lateinschule im Alten Rathaus nachweisbar, aus der später das Ulrichsgymnasium erwuchs. Die meisten Schulen waren indes Volksschulen, in denen die einfache Bevölkerung unterrichtet wurde. Die Zahl der Schulen hing stark mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen.

Neben den allgemeinbildenden Schulen verfügt Norden über eine Berufsbildende Schule - die Conerus-Schule - sowie eine Kreisvolkshochschule zur Erwachsenenweiterbildung. In der ehemaligen Gräfin-Theda-Schule ist heute eine Musikschule ansässig. Schulträger aller Schulen - mit Ausnahme des Ulrichsgymnasiums und der Conerus-Schule, deren Träger der Landkreis Aurich ist - ist die Stadt Norden selbst. Die lehrende Beamtenschaft besteht indes, wie überall, aus Landesbeamten bzw. -angestellten.

Die führende Tageszeitung im Altkreis Norden ist der Ostfriesische Kurier, herausgegeben vom Soltau Kurier Norden (SKN). Daneben besteht in Norden eine Außenstelle der Bezirksredaktion Emden/Norden der Ostfriesen-Zeitung. Im Verlag SKN erscheint außerdem monatlich das Ostfriesland Magazin. Die Redaktion befindet sich in Norden. Der Verlag gibt auch Regionalliteratur und Telefonbücher heraus.

Die Deutsche Telekom ist in Norden mit einer international hochbedeutsamen Seekabelendstelle vertreten, von der aus Unterseekabel in alle Welt führen. Sie ist ein wichtiges interkontinentales Kommunikationsrelais für Telefon und Internet in Deutschland und wird von US-Sicherheitsbehörden als wichtig für die nationale Sicherheit der USA erachtet. Aufgrund seiner Referenztechnik ist das Competence Center Submarine Cables Norden (CCSC) gleichzeitig Technologieführer, Beratungsstelle und Einsatzgruppe im glasfaserbasierten Backbone der Deutschen Telekom.

In Utlandshörn im Stadtteil Westermarsch II war bis zum 31. Dezember 1998 die Küstenfunkstelle Norddeich Radio beheimatet. Der seit Oktober 2015 als Flüchtlingsunterkunft und davor als Callcenter der Telekom genutzte Komplex sollte kurzzeitig für touristische Zwecke (Fußballgolf und ähnliches) genutzt werden. Diese Pläne wurden jedoch wieder verworfen.

Seit dem 30. April 2014 sendet Radio Nordseewelle als kommerzieller Lokalrundfunksender für Ostfriesland sein Programm aus einem Studio an der Ostseite des Marktplatzes. Der Sender ist auf der UKW-Frequenz 88,2 MHz zu empfangen.

Religion

Norden war seit Beginn der christlichen Missionierung im 7. bis 8. Jahrhundert christlich bzw. katholisch geprägt. 1517 schlägt Martin Luther die 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg, in der er die Missstände in der katholischen Kirche aufzeigt. Bereits zwei Jahre später sendet er einen Mönch namens Stephani nach Norden, um seine Lehren im Dominikaner- und im Benediktinerkloster zu verbreiten. Die Reformation schreitet in Norden zügig voran und findet bis in das Grafenhaus Gehör. In der Folge werden beide Klöster säkularisiert (verweltlicht), aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Die Klosterinsassen verlassen die Stadt, schließen sich anderen Orden an oder konvertieren. Das Kloster Marienthal wird als Gasthaus für die Armenpflege genutzt, auf dem Grund des Dominikanerklosters errichtet Enno II. Cirksena seinen Stammsitz. Hier entsteht später der Fräuleinshof sowie die Lateinschule als Vorläufer des Ulrichsgymnasiums. Im Zuge der Reformation kommt es jedoch auch zu einer Spaltung zwischen den Anhänger der evangelisch-lutherischen und der evangelisch-reformierten (calvinistischen) Ausrichtung, an deren Ende sich die Lutheraner durchsetzen können (siehe auch: Geschichte der evangelischen Gemeinde von Norden).

Katholiken gibt es in Norden seit der Reformation kaum noch. Die wenigen Verbliebenen müssen sich aus Angst vor Verfolgung im Untergrund treffen und erhalten erst im 19. Jahrhundert wieder ein eigenes Gotteshaus, die Ludgeruskirche (siehe auch: Geschichte der katholischen Gemeinde von Norden). Spätestens seit dem 16. Jahrhundert ist auch eine jüdische Gemeinde für Norden nachweisbar. Ihr Zentrum entwickelte sich rund um den heutigen Synagogenweg. 1940 löste sich die Gemeinde durch die nationalsozialistische Verfolgung auf (siehe auch: Geschichte der jüdischen Gemeinde von Norden).

Die Reformierten werden noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts offener Ablehnung der lutheranischen Norder Bevölkerung ausgesetzt. Erst 1684 kann die Bargeburer Kirche, damals noch vor den Toren der Stadt, unter dem Schutz brandenburgischer Truppen fertiggestellt werden (siehe auch: Geschichte der reformierten Gemeinde von Norden).

Von nicht unerheblicher Bedeutung für die Stadt war auch die seit 1556 existierende mennonitischen Gemeinde von Norden, der viele bedeutende Norder Persönlichkeiten wie Jan ten Doornkaat Koolman angehörten. In den Folgejahren siedelten sich noch weitere Ausrichtungen des christlichen Glaubens in Norden an, so etwa die Herrnhuter Brüdergemeine im Jahre 1757 und die Baptistengemeinde im Jahr 1900. Weitere Freikirchen kommen im 20. Jahrhundert dazu, so etwa die Neuapostolische Gemeinde an der Knyphausenstraße.

Offizielle Gemeinden nicht-christlichen Glaubens gibt es seit dem Niedergang der jüdischen Gemeinde in Norden nicht mehr. Zwar leben mehrere Muslime, Buddhisten und Hinduisten in Norden, doch sind diese mit Gemeinden in anderen Städten verbunden.

Wirtschaft und Infrastruktur

Öffentliche Einrichtungen

Der größte Arbeitgeber in Norden ist der öffentliche Sektor. Im Einzelnen betrachtet ist die Ubbo-Emmius-Klinik Norden mit über 650 Beschäftigten der größte Arbeitgeber.[74] Die Stadtverwaltung und die stadteigenen Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden weisen ebenfalls jeweils dreistellige Mitarbeiterzahlen auf. Weitere bedeutende Arbeitgeber sind die zahlreichen Schulen, Ämter und Behörden. In Norden befindet sich unter anderem der Hauptsitz sowie eine Betriebsstelle des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die niedersächsische Hafenbehörde Niedersachsen Ports (NPorts) unterhält ebenfalls eine größere Außenstelle an der Bahnhofstraße. Außerdem ist in der Stadt eine Betriebsstelle des NLWKN vorhanden. Sitz und Betriebsstelle beschäftigen in der Stadt zusammen 210 Mitarbeiter.

Die Deichacht Norden ist für den Großteil des Seedeiches in der Stadt verantwortlich. Ein kleinerer Teil, der Störtebekerdeich bei Leybuchtpolder, wird von der benachbarten Deichacht Krummhörn betreut. Im Osten erstreckt sich das Verbandsgebiet bis in die Gemeinde Dornum. Die Deichacht ist für die Unterhaltung von rund 30 Kilometern Seedeich zuständig und wird in Personalunion mit dem Entwässerungsverband Norden, der für die Entwässerung der tief liegenden Gebiete hinter dem Deich verantwortlich ist, geführt.

In Norden befindet sich ein Polizeikommissariat, das seinen Hauptsitz im historischen Engenahof befindet und der Polizeiinspektion in Aurich angegliedert ist. Eine weitere Außenstelle befindet sich im - ebenfalls historisch bedeutsamen - Weinhaus auf der anderen Seite des Marktplatzes. Die Norder Polizei ist mit seinen zahlreichen Polizeistationen für das Gebiet des Altkreises Norden verantwortlich. Das Norder Amtsgericht ist für die Stadt, die Inseln Juist, Norderney und Baltrum sowie die (Samt-)Gemeinden Hage, Brookmerland, Großheide und Dornum zuständig, nicht aber für die Krummhörn und Hinte. Der gleiche Zuständigkeitsbereich gilt für das Norder Finanzamt. In der Stadt befindet sich zudem eine Geschäftsstelle der Arbeitsagentur (Bezirk Emden), die die Stadt Norden, die Inselgemeinde Baltrum und die (Samt-)Gemeinden Hage, Brookmerland, Großheide und Dornum betreut. Norden ist weiterhin Sitz des lutherischen Kirchenkreisamtes des Kirchenkreis Norden.

Die Auricher Kreisverwaltung betreibt in Norden eine Außenstelle, die häufig nachgefragte Dienstleistungen des Landkreises anbietet, beispielweise eine Außenstelle des Sozialamtes am Fräuleinshof und eine Außenstelle der Straßenverkehrsbehörde in der Stellmacherstraße.

Der Brandschutz und die Hilfeleistung bei Unglücksfällen wird von der 1886 gegründeten Freiwilligen Feuerwehr Norden in ausschließlich ehrenamtlicher Tätigkeit sichergestellt. Die Wehr hat jährlich weit über 300 Einsätze abzuarbeiten. Daneben gibt es mehrere, weitere Hilfsorganisationen. Die nach der Feuerwehr größten sind das Technische Hilfswerk und das Deutsche Rote Kreuz. Seit dem 31. Mai 2009 befinden sich Feuerwehr und THW im neu errichteten Hilfeleistungszentrum (HLZ) an der Osterstraße 93 in unmittelbarer Nähe zur Umgehungsstraße. Auch diese arbeiten ausschließlich ehrenamtlich.

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft spielt nicht nur in Bezug auf den Flächenanteil, sondern auch als Arbeitsmarktfaktor nach wie vor eine Rolle. War sie noch bis nach der Industrialisierung der bedeutendste Wirtschaftszweig, spielt sie heute für den Arbeitsmarkt eine eher geringe Rolle, wenngleich noch eine bedeutende Zahl in der Landwirtschaft beschäftigt. Es war naturgemäß auch der erste und lange Zeit einzige Erwerbszweig der Bewohner. Bodenschätze hat es in Ostfriesland nie gegeben und auch verarbeitendes Gebäude gibt es hier erst seit dem Mittelalter.[75]

Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Stadt Norden im engeren Sinne (Altstadt) begann jedoch faktisch erst mit der Eingemeindung der Sandbauerschaft im Jahre 1919. Bis dahin hatte es im ursprünglichen Stadtgebiet keine reelle Landwirtschaft gegeben, was - bedingt durch den sandigen Geestboden und der recht geringen Fläche - auch nur sehr eingeschränkt möglich war.[47] Den armen Geestbauern gegenüber standen die äußerst wohlhabenden Marschbauern, die ihre Höfe seit jeher in der sehr ertragreichen, fruchtbaren Marsch (Westermarsch und Ostermarsch sowie teilweise Lintelermarsch) rund um die Stadt und die Geest hatten. Naturgemäß war das eher tiefliegende Land stark von Sturmfluten gefährdet, weshalb die Bauern ihre Höfe schön früh auf sogenannten Warften errichteten; künstliche Erhöhungen, die zumindest den Hof, nicht aber die Felder und alles tiefliegendere schützten.[76]

Neben den Höfen sind viele Dienstleister für die Landwirtschaft in Norden ansässig. Im Norddeicher Hafen liegen eine Vielzahl an Kuttern vor Anker. Die meisten Höfen, von denen ein Großteil von enormer historischer Bedeutung ist, befinden sich seit Generationen in Familienbesitz und werden neben ihrer klassischen Widmung auch für den Tourismus genutzt (Ferien auf dem Bauernhof). Eine geringe Zahl von Höfen wird ausschließlich zu Wohnzwecken genutzt. Eine Sonderrolle nimmt zudem Tomtes Hof ein, welcher ein pädagogisches Konzept verfolgt.

Aufgrund der Küstenlage mit stetigen und kräftigen Winden eignen sich insbesondere die dünn besiedelten Außenbereiche der Stadt für die Nutzung von Windenergie. Das Panorama außerhalb der Kernstadt ist maßgeblich von Windenergieanlagen geprägt. Die absolute Mehrheit wurde von der in Aurich ansässigen Firma Enercon errichtet.

Die Bandbreite der Landwirtschaft ging seit den 1950er Jahren zurück. So werden seit den 1970er Jahren keine Zichorien mehr angebaut, die noch um 1950 in vier Fabriken, u.a. zu Kaffee, verarbeitet wurden.[77] Auch Zuckerrüben, die nach dem Zweite Weltkrieg heimisch wurden und deren Produktion ab 1949 in großem Stil betrieben wurde, werden kaum noch angebaut.[78] Vor allem durch den Preisdruck auf dem Weltmarkt und der globalen Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse geriet auch die Norder Landwirtschaft seit den 1970er Jahren in eine tiefe Krise.[79] Durch die Begrenzung der Abnahmemengen konnte dieser gefährliche und existenzbedrohende Abwärtstrend jedoch weitestgehend gestoppt werden.[80]

Tourismus

Von existenzieller Bedeutung für die Stadt ist der Fremdenverkehr, der insbesondere seit den 1950er Jahren maßgeblich gefördert wird. Ein geregeltes Badeleben ist für Norddeich, damals noch als Ortsteil der Gemeinde Lintelermarsch, seit 1882 nachweisbar.[81] Bis zum Ersten Weltkrieg betätigten sich mehrere private Kurvereine nebeneinander um die Tourismusförderung und arbeiteten dabei anfangs mehr gegen- als miteinander.[82] Der Krieg sowie die wirtschaftlichen Probleme der Nachkriegsjahre führten zu einem starken Rückgang des Fremdenverkehrs. Der am 26. Mai 1925 neu ins Leben gerufene Kurverein Norden-Norddeich konnte diese Entwicklung allerdings abbremsen. Bereits ein Jahr später ist jedes Fremdenzimmer belegt.[83] In der Kleinen Mühlenstraße war ein Büro zur Wohnungsvermittlung für Gäste ansässig.[82] Großer Profiteur des erstarkenden Tourismus ist auch die Reederei Frisia, die neben Waren auch Fahrzeuge und Menschen in großer Anzahl zwischen Festland und Norderney sowie Juist transportiert.

Der Tourismus spielt bis heute eine große Rolle für das Wirtschaftsleben Nordens, sowohl in der Hotellerie und Gastronomie, bei Dienstleistungen wie dem Fähr- und Flugbetrieb nach Juist und Norderney als auch indirekt wie etwa im Einzelhandel. Verzeichnete Norden-Norddeich 1995 erst knapp 113.000, so waren es 20 Jahre später schon 2,6 Millionen Tagesgäste. 2019 verzeichnete allein Norddeich jährlich etwa 1,7 Millionen Übernachtungen.[84] In Norddeich, das seit 2010 die offizielle Bezeichnung Staatlich anerkanntes Nordseeheilbad führt, liegt auch der Schwerpunkt des Norder Tourismus. Beherbergungsmöglichkeiten finden sich auch in größerer Zahl in der Kernstadt, zudem auch auf Bauernhöfen in allen weiteren Ortsteilen. Eng verwachsen mit Norddeich ist der östliche Teil Westermarsch II, dessen nordwestliche Teile oftmals fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden. Die Grenze zwischen beiden Stadtteilen verläuft im nördlichen Bereich etwa mittig des Dörper Wegs. Interessant ist, dass nicht einmal die Norddeicher Kultidiskothek Metas Musikschuppen in Norddeich liegt. Auch Norddeich Radio hat sich nie in Norddeich, sondern immer in Westermarsch II bzw. mit dem Sender Osterloog auch in der Lintelermarsch befunden.

Spätestens seit dem Niedergang der Firma Doornkaat ist der Tourismus das wichtigste, wirtschaftliche Standbein von Norden. Bedingt durch die Lage der Stadt am nordwestlichsten Rand des deutschen Festlands ist nicht (mehr) mit der Ansiedlung bedeutender Industriebetriebe zu rechnen. Dies ist jedoch - in Anbetracht des Tourismus - auch gar nicht mehr gewünscht. In der Vergangenheit wurden daher auch vielversprechende Vorhaben wie die Ansiedlung der Firma Enercon in ihren Anfangstagen, einer Großraumdiskothek oder eines gewaltigen Vergnügungsparks in Hinblick auf eine mögliche Verschandelung der Landschaft von Rat und Verwaltung abgelehnt.

Handwerk und Gewerbe

Die größten privaten Arbeitgeber sind im Gewerbegebiet Leegemoor zu suchen. Bedeutendste Arbeitgeber sind hier die Glave Gruppe (ehemals Norder Bandstahl bzw. CO Stahl) und der Soltau Kurier Norden (SKN).[85] Insgesamt arbeiten etwa 2.000 Menschen in den Leegemoorern Betrieben. Ehemals (auch überregional) bedeutende Betriebe wie die Eisenhütte, die Firma Doornkaat und die Tabakmanufaktur Steinbömer & Lubinus gingen allesamt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Besonders der Verlust der Firma Doornkaat bescherte der Stadt einen lange Zeit nicht zu verschmerzenden wirtschaftlichen Schaden.

Historisch betrachtet war die Altstadt noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem von kleinen Handwerksbetrieben geprägt, die ihren Sitz in den meist noch eingeschossigen Bauwerken hatten.[86] Der Trend zum Schaffen von reinen Gewerbegebieten begann in Norden in den 1970er Jahren, begonnen 1977 mit der Erschließung der Stellmacherstraße und nachfolgend weiterer Flächen in Leegemoor. Das Gewerbegebiet dort ist das mit Abstand größte und verfügt als einziges noch über freie Flächen. Die weiteren Norder Gewerbegebiete befinden sich im Umfeld der Gewerbestraße, in Tidofeld und Am Norder Tief.[87]

Dienstleistungen

Von zunehmender Wichtigkeit sind die sozialen Berufe. Es gibt eine Vielzahl an Betreuungseinrichtungen, die sich überwiegend in privater, teilweise in öffentlicher Hand befinden. Die größte Betreuungseinrichtung ist das Johann-Christian-Reil-Haus, das einer kreiseigenen Gesellschaft gehört. Ein nicht unerheblicher Teil an Betreuungseinrichtungen wird von der Arbeiterwohlfahrt und der Behindertenhilfe betrieben.

Straßenverkehr

Das Straßennetz ist dicht verzweigt, naturgemäß dominieren Gemeindestraßen, deren Träger die Stadt selbst ist. Bedeutendste Anbindung an den überregionalen Straßenverkehr ist die Bundesstraße 72. Sie beginnt in Schneiderkrug im Landkreis Cloppenburg und endet am Fähranleger in Norddeich. Durch sie wird die Stadt Norden mit dem nächsten Verkehrsknotenpunkt in Georgsheil verbunden, wo sie auf die B 210 trifft. Diese wiederum führt nach Emden, von wo aus der Anschluss an die A 31 besteht. Die Bundesstraße verlief über Jahrzehnte unmittelbar durch die Norder Innenstadt (Norddeicher Straße, Burggraben, Bahnhofstraße), was besonders in den Sommermonaten durch den Reiseverkehr von und nach Norddeich Mole für eine erhebliche Verkehrsbelastung sorgte. Seit Juli 2009 verläuft die B 72 vom südlichen Stadtrand Nordens bis zum Fähranleger in Norddeich über eine neue östlich der Stadt angelegte Umgehungsstraße. So konnten im Innenstadtbereich verkehrsberuhigende Maßnahmen, wie der Bau von Kreisverkehren oder die Abschaffung des Burggrabens als Einbahnstraße, umgesetzt werden. Eine früher geplante Verlängerung der A 31 aus dem Raum Emden/Riepe bis Norddeich wurde dagegen nicht gebaut, obgleich die Forderungen hiernach nicht verhallt sind.

Von vier Landesstraßen führen von Norden aus jeweils zwei in südliche und östliche Richtung. Die L 4 beginnt an der B 72 in Süderneuland I und führt bis nach Pewsum. Die L 27 beginnt am südlichen Ortseingang Norddeichs und führt am Marktplatz vorbei über Westermarsch II, Westermarsch I und über Neuwesteel und Leybuchtpolder bis nach Greetsiel. Am gleichen Punkt beginnt auch die L 5 und führt in östlicher Richtung die B 72 kreuzend über Ostermarsch, Neßmersiel, Dornumersiel und Bensersiel nach Neuharlingersiel, fast immer in unmittelbarer Sichtweite des Seedeichs. Die L 6 beginnt an einem Kreisverkehr der B 72 auf der Grenze zu Lütetsburg und verbindet die Stadt weiter mit Hage, Westerholt, Esens, Neuharlingersiel und Carolinensiel, wo sie endet.

Der öffentliche Nahverkehr wird durch Busse des Verkehrsverbunds Ems-Jade sichergestellt, welche fast alle den Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Bahnhof Norden anfahren. Eine Hauptlinie verkehrt als Erschließungsbus der kompakten Innenstadt zum Fähranleger in Norddeich, weitere nach Greetsiel und Pewsum in der südlichen Nachbargemeinde Krummhörn sowie nach Esens und Carolinensiel. Die meistfrequentierte Hauptlinie führt nach Georgsheil mit der Möglichkeit zur Weiterfahrt nach Aurich oder Emden. Einige Nebenlinien dienen praktisch ausschließlich dem Schulverkehr.

Schienenverkehr

Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt Norddeich Mole, weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Heute ist die Norder Schienanbindung Teil der Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole.

Bis in die 1950er Jahre hinein war Norden Standort eines Bahnbetriebswerkes, zu dem ein vierständiger Ringlokschuppen gehörte, der noch existiert und unter anderem als Eisenbahnmuseum vom Verein Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland genutzt wird. Der Verein betreibt auch die historische Strecke der Küstenbahn weiter. Ein zum Bahnbetriebswerk gehörender Wasserturm wurde 1984 gesprengt. Das Gebäude der Güterabfertigung wurde im Zuge der Errichtung der neuen Bahnstation Anfang der 2000er Jahre wie das ehemalige Empfangsgebäude - bis auf einige technische Anlagen - abgerissen.

Nach der Schließung des Bahnhofs Nadörst und des Bahnhofs Norden-Stadt existieren noch drei Fernverkehrsbahnhöfe: Den Bahnhof Norden, der eigentlich in Süderneuland I liegt, der Bahnhof Norddeich und der Bahnhof Norddeich-Mole. Der Niedergang des Eisenbahnknotenpunktes Norden erreichte nach Schließung des Bahnbetriebswerks und der Einstellung des Personenverkehrs zwischen Norden und Esens auf der Ostfriesischen Küstenbahn am 28. Mai 1983 seinen vorläufigen Höhepunkt: War der Bahnhof Norden bis dahin noch Ausgangspunkt für Züge, die die Küstenbahn über Esens in Richtung Sande befuhren, so wurde er danach zu einer reinen Durchgangsstation zwischen Emden und Norddeich. Das Teilstück zwischen Dornum und Esens wurde abgebaut und als Radweg genutzt. Der Personenverkehr zwischen Norden und Esens wird jetzt ausschließlich von Omnibussen bedient. Bis 1989 wurde die Strecke Norden–Dornum vereinzelt noch von Güterzügen befahren, anschließend wurde die Strecke an die Anliegergemeinden verkauft.

Unter dem Projektnamen Zukunftsbahnhof wurde im Rahmen einer grundlegenden städtebaulichen Erneuerung des südlichen Stadtrandes Mitte der 2000er Jahre auf dem in Richtung Innenstadt gelegenen Gelände der ehemaligen Norder Güterabfertigung mit dem Bau einer modernen Eisenbahnstation und eines vorgelagerten zentralen Omnibusbahnhofs begonnen. In diesem Zusammenhang wurde ein neues Empfangsgebäude errichtet. Das baufällige, weiter südlich gelegene alte Empfangsgebäude wurde zwar mit der Einweihung der neuen Bahnhofsanlagen aufgegeben, blieb jedoch noch mehrere Jahre erhalten, da sich hier noch wichtige bahntechnische Einrichtungen befanden. Nach jahrelangem Leerstand ohne Nutzung war es allmählich zu einer unansehnlichen Ruine verkommen, wurde schließlich abgerissen und durch den Neubau eines Tiermarktbedarfs ersetzt. Ein sich ebenfalls im südlichen Bereich des Norder Bahnhofs befindliches Stellwerksgebäude wurde an einen privaten Käufer veräußert und wird seit 2018 renoviert.

Luftverkehr

Der 1968 am Westerlooger Strohweg erbaute Flugplatz ist ein Sonderlandeplatz und befindet sich etwa vier Kilometer nördlich des Stadtzentrums. Von dort fliegt die Frisia Luftverkehr GmbH planmäßig Norderney und Juist sowie teilweise Baltrum an. Weiterhin werden Sonder- und Rundflüge angeboten.

Einzelnachweise

  1. Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456
  2. 2,0 2,1 Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 31
  3. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89
  4. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 13
  5. Zahlen und Daten auf Norden.de, abgerufen am 20. April 2021
  6. Internetseite vom Nationalpark Wattenmeer, abgerufen am 20. April 2021
  7. Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94
  8. Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen, abgerufen am 20. April 2021
  9. 9,0 9,1 9,2 9,3 9,4 9,5 9,6 Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 3
  10. 10,0 10,1 Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7
  11. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7
  12. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 16
  13. Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 32
  14. Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 34
  15. 15,0 15,1 Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 33
  16. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 324
  17. Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 9
  18. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 9
  19. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10
  20. Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen, abgerufen am 21. April 2021
  21. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179
  22. Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5
  23. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10
  24. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326
  25. Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 33
  26. Köller, André (2015): Agonalität und Kooperation: Führungsgruppen im Nordwesten des Reiches 1250-1550, Göttingen, S. 307
  27. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 327
  28. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 43
  29. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 54
  30. Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47
  31. Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 57
  32. Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 33
  33. 33,0 33,1 Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 94
  34. 34,0 34,1 Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 14
  35. Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 328
  36. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 19f.
  37. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79
  38. 38,0 38,1 Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18
  39. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84
  40. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 293
  41. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 118
  42. 42,0 42,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 210
  43. 43,0 43,1 Chronik der Sparkasse Aurich-Norden, abgerufen am 2. Juni 2021
  44. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 42
  45. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17
  46. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240
  47. 47,0 47,1 Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30
  48. 48,0 48,1 Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6
  49. 49,0 49,1 49,2 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241
  50. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 27
  51. Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13
  52. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241
  53. Beschreibung von Norden in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
  54. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43
  55. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 44
  56. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 245
  57. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 246
  58. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 60
  59. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84
  60. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66
  61. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 63f.
  62. 62,0 62,1 62,2 62,3 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 85
  63. Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 63
  64. 64,0 64,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83
  65. Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125
  66. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 86
  67. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 89
  68. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 101
  69. Online-Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 1. Juli 2006, abgerufen am 9. September 2021
  70. Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden, abgerufen am 14. September 2021
  71. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 6
  72. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 7
  73. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50
  74. Firmenprofil der Ubbo-Emmius-Klinik Norden, abgerufen am 22. April 2021
  75. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 247
  76. Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 52
  77. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89
  78. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 260
  79. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 278
  80. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 279
  81. Haddinga, Johann (2007): Sommer an der See. Badeleben in Norden-Norddeich, Norden
  82. 82,0 82,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 11
  83. Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden
  84. Fakten über Norddeich auf Norden,de, abgerufen am 22. April 2021
  85. Firmenprofil der Glave Gruppe, abgerufen am 22. April 2021
  86. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 233
  87. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 292

Siehe auch