Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Das Norder Stadtwappen zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte [[Stadtsiegel]] aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert. | Das [[Stadtwappen|Norder Stadtwappen]] zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte [[Stadtsiegel]] aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert. | ||
Die Sporenräder sind dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert in Norden vorherrschenden Häuptlingsfamilie [[Idzinga]] entnommen. Blau und gelb sind die Stadtfarben von Norden. Sie verdeutlichen den Wohlstand und die Lage am Meer. Der Heilige Andreas ist der Schutzpatron der Stadt. Ihm war die [[Andreaskirche]] in der Stadtmitte geweiht. | Die Sporenräder sind dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert in Norden vorherrschenden Häuptlingsfamilie [[Idzinga]] entnommen. Blau und gelb sind die Stadtfarben von Norden. Sie verdeutlichen den Wohlstand und die Lage am Meer. Der Heilige Andreas ist der Schutzpatron der Stadt. Ihm war die [[Andreaskirche]] in der Stadtmitte geweiht. | ||
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Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die Kernstadt umfasst neben dem [[Norden (Stadtteil)|alten Stadtzentrum]] noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeinde [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Index.php?title=Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]] | Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die Kernstadt umfasst neben dem [[Norden (Stadtteil)|alten Stadtzentrum]] noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeinde [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Index.php?title=Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]] | ||
Die offiziellen, administrativen Stadtteile sind [[Bargebur]], [[Leybuchtpolder]], [[Neuwesteel]], [[Norddeich]], [[Ostermarsch]], [[Süderneuland I]], [[Süderneuland II]], [[Tidofeld]], [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]]. Bis auf Bargebur und Tidofeld, die historisch zu Lütetsburg gehörten, waren alle heutigen Stadtteile bis zur Kommunalreform 1972 eigenständige Gemeinden bzw. Samtgemeinden, im Falle von Norddeich handelt es sich um einen Sonderfall. Der heutige Ortsteil [[Norddeich]] ist praktisch identisch mit der ehemaligen [[Lintelermarsch|Gemeinde Lintelermarsch]], von dem Norddeich ursprünglich nur ein Ortsteil war. | Die offiziellen, administrativen Stadtteile sind [[Bargebur]], [[Leybuchtpolder]], [[Neuwesteel]], [[Norddeich]], [[Ostermarsch]], [[Süderneuland I]], [[Süderneuland II]], [[Tidofeld]], [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]]. Bis auf Bargebur und Tidofeld, die historisch zu Lütetsburg gehörten, waren alle heutigen Stadtteile bis zur Kommunalreform 1972 eigenständige Gemeinden bzw. Samtgemeinden, im Falle von Norddeich handelt es sich um einen Sonderfall. Der heutige Ortsteil [[Norddeich]] ist praktisch identisch mit der ehemaligen [[Lintelermarsch|Gemeinde Lintelermarsch]], von dem Norddeich ursprünglich nur ein Ortsteil war. Da Norddeich aber in den Folgejahren aufblühte und sich zum Kernort entwickelte, erfolgte die Umbenennung. | ||
Die Kernstadt und die Ortsteile Bargebur, Norddeich, Süderneuland I und Süderneuland II, Tidofeld sowie Teile von Westermarsch II, dessen nordwestliche Teile oftmals fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden, sind baulich weitestgehend zusammengewachsen, und formen, mit Ausnahme von Norddeich und Westermarsch II, die ausgedehnten Wohn- und Gewerbegebiete im Süden und Osten der Stadt. In diesem Ballungsgebiet leben etwa 92,5 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung.<ref>[https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen], abgerufen am 20. April 2021</ref> Die verbleibenden Ortsteile sind nach wie vor sehr ländlich geprägt und überwiegend äußerst spärlich besiedelt, nehmen jedoch den weitaus größten Teil der städtischen Gesamtfläche ein. Die [[Norden (Stadtteil)|historische Kernstadt]] umfasst eine Fläche von nicht einmal 14 km², was nicht einmal einen Anteil von 15 % an der städtischen Gesamtfläche darstellt. | Die Kernstadt und die Ortsteile Bargebur, Norddeich, Süderneuland I und Süderneuland II, Tidofeld sowie Teile von Westermarsch II, dessen nordwestliche Teile oftmals fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden, sind baulich weitestgehend zusammengewachsen, und formen, mit Ausnahme von Norddeich und Westermarsch II, die ausgedehnten Wohn- und Gewerbegebiete im Süden und Osten der Stadt. In diesem Ballungsgebiet leben etwa 92,5 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung.<ref>[https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen], abgerufen am 20. April 2021</ref> Die verbleibenden Ortsteile sind nach wie vor sehr ländlich geprägt und überwiegend äußerst spärlich besiedelt, nehmen jedoch den weitaus größten Teil der städtischen Gesamtfläche ein. Die [[Norden (Stadtteil)|historische Kernstadt]] umfasst eine Fläche von nicht einmal 14 km², was nicht einmal einen Anteil von 15 % an der städtischen Gesamtfläche darstellt. | ||
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1866 kommt Ostfriesland mit dem Ende eines eigenständigen hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer ist jedoch mittlerweile stark verlandet und die Bedeutung des [[Norder Hafen|Norder Hafens]] dadurch vermindert, während die Bedeutung des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] ansteigt. Die Stadt ist mittlerweile nur noch über das [[Norder Tief]] mit dem Meer verbunden. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sinkt stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wird der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment wiedersinnig klingen, aber die Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos. | 1866 kommt Ostfriesland mit dem Ende eines eigenständigen hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer ist jedoch mittlerweile stark verlandet und die Bedeutung des [[Norder Hafen|Norder Hafens]] dadurch vermindert, während die Bedeutung des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] ansteigt. Die Stadt ist mittlerweile nur noch über das [[Norder Tief]] mit dem Meer verbunden. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sinkt stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wird der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment wiedersinnig klingen, aber die Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos. | ||
Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt Norddeich Mole, weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wird, kommt es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]]. Im Jahr 1889 beginnt der Bau der ersten [[Mole Norddeich|Hafenmole]] in [[Norddeich]]. | Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt Norddeich Mole, weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wird, kommt es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]]. Im Jahr 1889 beginnt der Bau der ersten [[Mole Norddeich|Hafenmole]] in [[Norddeich]]. 1898 wird erstmals das Fernsprechnetz (Telefonnetz) nach Norden ausgebaut. | ||
=== 1900 bis | === 1900 bis 1949 === | ||
1905 wird die legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, 1907 wird die städtische Gasversorung errichtet, am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen damit beliefert. Am 10. März 1914 erfolgt der Anschluss der Stadt an die Elektrizitätsversorgung. Während des Ersten Weltkrieges werden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben auf den Kriegsschauplätzen in Europa. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. Vor allem die Küstenfunkstelle hatte in den nächsten vier Jahren große Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. | 1905 wird die legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, 1907 wird die städtische Gasversorung errichtet, am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen damit beliefert. Am 10. März 1914 erfolgt der Anschluss der Stadt an die Elektrizitätsversorgung. Während des Ersten Weltkrieges werden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben auf den Kriegsschauplätzen in Europa. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. Vor allem die Küstenfunkstelle hatte in den nächsten vier Jahren große Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. | ||
Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren. Es dauerte aber bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden kann. Zu einem Streik kam es 1906, als die Arbeiter der Eisenhütte in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen Zeitungsannoncen die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär niedergeschlagen wurden. | Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren. Es dauerte aber bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden kann. Zu einem Streik kam es 1906, als die Arbeiter der Eisenhütte in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen Zeitungsannoncen die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär niedergeschlagen wurden. Ein Jahr später (1907) werden erstmals auch private Haushalte mit Stadtgas beliefert. | ||
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich wächst. | Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich wächst. | ||
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Erstmals tauchen am 7. November 1919 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz der Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten, was auch gelang. Die Arbeiter- und Soldatenräte lösten sich im Sommer 1919 auf. | Erstmals tauchen am 7. November 1919 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz der Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten, was auch gelang. Die Arbeiter- und Soldatenräte lösten sich im Sommer 1919 auf. | ||
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht der Ort [[Neuwesteel]], zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau [[Leybuchtsiel|eines Siels]] erforderlich. Norden verliert dadurch seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] verliert endgültig an Bedeutung, da der offene Zugang zur See nicht mehr gewährleistet ist. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] beginnt. | 1923 besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. | ||
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] ("Süderpolder"), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau [[Leybuchtsiel|eines Siels]] erforderlich. Norden verliert dadurch seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] verliert endgültig an Bedeutung, da der offene Zugang zur See nicht mehr gewährleistet ist. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] beginnt. | |||
Bei den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten, die bereits seit 1923 eine eigene Ortsgruppe hatten, in der Stadt die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft zurückzuführen ist. Bereits wenige Tage später setzen Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der [[Gaststätte Zur Börse]] brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Im Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit "arischen" Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes geführt, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein Rasseschänder". | Bei den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten, die bereits seit 1923 eine eigene Ortsgruppe hatten, in der Stadt die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft zurückzuführen ist. Bereits wenige Tage später setzen Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der [[Gaststätte Zur Börse]] brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Im Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit "arischen" Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes geführt, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein Rasseschänder". | ||
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß viele Jahrhunderte hindurch eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das Schulhaus | Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß viele Jahrhunderte hindurch eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge in Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Die letzten Juden wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück. | ||
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern führten. Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die Funktion Norddeichs als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den "Atlantikwall" aufgerüstet wurden, die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der "Heimatflak" wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutigen Maßstäben als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt sterben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht. | Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern führten. Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die Funktion Norddeichs als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den "Atlantikwall" aufgerüstet wurden, die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der "Heimatflak" wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutigen Maßstäben als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt sterben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht. | ||
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Am 4. Mai treffen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht vorgesprochen hatten, wurde die Stadt kampflos übergeben. Nachfolgend übernimmt die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führt eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten werden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch das [[Ulrichsgymnasium]], das noch während des Krieges im Keller verbunkert wurde, dient einige Zeit als Lazarett. | Am 4. Mai treffen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht vorgesprochen hatten, wurde die Stadt kampflos übergeben. Nachfolgend übernimmt die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führt eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten werden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch das [[Ulrichsgymnasium]], das noch während des Krieges im Keller verbunkert wurde, dient einige Zeit als Lazarett. | ||
Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nimmt die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen Kasernengelände wird ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. | Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nimmt die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen Kasernengelände wird ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten [[Landkreis Norden]] werden Ende 1946 rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter auch aus Emden, das nach dem alliierten Bombenterror im September 1944 nahezu vollständig zerstört wurde. Diese etwa 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld werden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnen bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wird alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand. | ||
Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernennt die britische am 8. Juni 1945 [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste [[Stadtrat|Nachkriegsstadtrat]]. Hauptaufgabe des ernannten Stadtrates, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen "Deutschen Gemeindeordnung", die damit verbundene Redemokratisierung der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das "Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung". Bereits im März 1946 wird Schöneberg durch die Militärregierung als Bürgermeister wieder abgesetzt. An seine Stelle tritt [[Johann Fischer]] als zweiter Nachkriegsbürgermeister. | |||
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an. | |||
=== 1950er Jahre === | |||
Von 1947 bis 1950 wurde der [[Leybuchtpolder (Polder)|Leybuchtpolder]] eingedeicht, auf dem später der heutige, [[Leybuchtpolder|gleichnamige Ortsteil]] entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der [[Leybucht]] geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeiches]]. Bei der anschließenden Landvergabe wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. „Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist“, hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden darüber hinaus 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar. | |||
Nördlich der historischen Kernstadt entstand [[Neustadt|Norden-Neustadt]], vornehmlich um die Vielzahl der Vertriebenen angemessen unterzubringen. Bis heute erinnert ein Großteil der Straßennamen an die Vergangenheit der Bewohner, indem sie überwiegend nach ehemals deutschen Städten wie [[Königsberger Straße|Königsberg]], [[Breslauer Straße|Breslau]] oder [[Stettiner Straße|Stettin]] benannt wurden. | |||
Am 1. Januar 1951 trifft der schwedische Fußballverein "Nybro Idrottsförening" in Norden ein und spielt gegen den [[FC Norden]]. Es ist das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund der Stadt Norden; es kommt zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein Jahr später wird [[Tidofeld]], damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]]. | |||
Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Ab diesem Jahrzehnt erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, begonnen 1958 mit der [[Kanalisation]] im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Erste Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt wurden laut, die immer stärker durch den immer massiver werden Straßenverkehr belastet wurde, der noch durch den aufblühenden Tourismus verstärkt wurde. Mit dem aufkommenden Wirtschaftswunder verlassen viele Flüchtlinge und Vertriebene die Stadt auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen vor allem in Richtung des wiederaufblühenden Ruhrgebiets. | |||
=== 1960er Jahre === | |||
Ab 1968 wird eine umfangreiche [[Altstadtsanierung]] durchgeführt, der ein Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer fällt. Die Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] werden vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Wohnungsbaugesellschaft "Neue Heimat" errichtet auf dem nun freien Gelände mehrere Mehrfamilienhäuser und dazu drei Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der Kirchstraße war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wird unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme werden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem müssen die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen. Weitere bedeutende Gebäude, wie die [[Drei Schwestern|Dritte Schwester]], werden abgerissen und entweder durch schmucklose Neubauten, Parkplätze oder Straßenzüge ersetzt. Gebäude wie das [[Schöninghsches Haus|Schöninghsche Haus]] und das [[Vossenhus]] entkommen nur knapp demselben Schicksal. Da jedoch in den 1970er Jahren allmählich ein Umdenken stattfindet, wird glücklicherweise ein Großteil der historischen Baustruktur erhalten. Ein sehr gutes Beispiel für diesen Sinneswandel sind die große Bemühungen um den Erhalt des [[Engenahof|Engenahofs]] (heute Polizeikommissariat), bei dem zwar der marode Innenteil abgerissen wurde, die historisch wertvolle Fassade und der Kellerbau erhalten geblieben ist. | |||
Für die bessere medizinische Versorgung der Einwohner Nordens und des Umlands wird 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden]] eröffnet an der [[Osterstraße]] worden. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wird geschlossen und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Nun werden auch die zahlreichen, als Lazarett dienenden Baracken nicht mehr benötigt. Einzig erhalten ist bis heute noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]], das heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine dient. | |||
=== 1970er Jahre === | |||
Zwischen 1969 und 1979 wird im durch den Tourismus aufblühenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstehen die [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] (die sich zuvor noch am [[Schwanenteich]] befunden hat), ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter Sandstrand. Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung "Staatlich anerkanntes Nordseebad" trägt. Norden-Norddeich ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. | |||
Durch die niedersächsische Kommunalreform 1972 kommen die bis dahin selbstständigen (Samt-)Gemeinden [[Leybuchtpolder]], [[Neuwesteel]], [[Norddeich]], [[Ostermarsch]], [[Süderneuland I]], [[Süderneuland II]], [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]]. zum Stadtgebiet und werden fortan als Stadtteile gezählt. Gemeinsam mit Tidofeld hat Norden nun neun amtliche Stadtteile. | |||
Zwischen 1972 und 1975 wird der Seedeich deutlich verstärkt. Den Baumaßnahmen fällt unter anderem der [[Großer Krug|Große Krug]] zum Opfer. | |||
Bei der Kreisreform 1977 hingegen verlor die Stadt Norden den Sitz des gleichnamigen Kreises und gehört seither als Mittelzentrum zum Landkreis Aurich mit der Kreisstadt Aurich. Dies war vor allem bedingt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt und des Umlandes sowie der geringeren Einwohnerzahl gegenüber dem Altkreis Aurich. | |||
=== 1980er Jahre === | |||
Wirtschaftlich geht es Norden in den 1980er Jahren außerordentlich schlecht. Die Schließung eines Zweigwerks des Büromaschinenherstellers [[Olympiawerk|Olympia]] in [[Tidofeld]] und der langsame Niedergang von [[Doornkaat]] sowie weiterer Betriebe treiben die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Beinahe 30 % der Norder Erwerbsfähigen sind zu dieser Zeit arbeitslos gemeldet. | |||
1989 erfolgt die Umwandlung des [[Neuer Weg|Neuen Wegs]] und der westlichen [[Osterstraße]] zu Fußgängerzonen. Die Fahrbahnen werden erheblich verschmalert, der allgemeine Kraftfahrzeugverkehr verboten. Fortan verwaist der südliche Neue Weg und wird kaum noch frequentiert. Ein Umstand, der sich bis heute erhalten hat. | |||
=== 1990er Jahre === | |||
In den 1990er Jahren, teils vorher, siedeln sich zunehmend Betriebe im [[Leegemoor]] an, das sich fortan zu einem blühenden Gewerbegebiet entwickelt. Die hohe Arbeitslosigkeit nimmt dadurch sukzessive ab, ist aber - bis heute - die höchste in Ostfriesland. | |||
Schon in den 1980er Jahren, mehr noch in den 1990er Jahren ist die Stadt dazu übergegangen, den [[Marktplatz]] Stück für Stück attraktiver zu gestalten, den Gebäuden historische Details zurückzugeben und historische Merkmale nachträglich besonders hervorzuheben. | |||
1996 wird [[Tidofeld]], das seit seiner Eingemeindung im Jahr 1952 zur [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]] gehörte, ein eigenständiger Stadtteil. Die Geschichte der stolzen Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] endet 1998. In das Gebäude zieht nachfolgend ein Callcenter einer Telekom-Tochtergesellschaft ein. | |||
=== | === 2000er Jahre === | ||
Im Oktober 2013 wird bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdenken und die Machbarkeit prüfen wollen. Bei einem Bau einer gemeinsamen Klinik dort würden die beiden Standorte der Ubbo-Emmius-Klinik sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus ist damit besiegelt, aber genaueres noch offen. | |||
Nach Jahrzehnten der Diskussion und des Bemühens um Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan erhielt Norden 2009 endlich eine [[Umgehungsstraße]], die Teil der Bundesstraße 72 wird. Durch den Bau wird die innerstädtische Verkehrsbelastung erheblich reduziert. Zugleich verlieren die [[Bahnhofstraße]], [[Burggraben]] die [[Norddeicher Straße]] ihren Status als Bundesstraße und werden zu Landesstraßen. | |||
=== | === 2010er Jahre === | ||
Seit 2010 trägt "Norden-Norddeich" den Titel als "staatlich anerkanntes Nordseeheilbad". Die höchste touristische Anerkennungsstufe in Niedersachsen. | |||
=== 2020er Jahre === | |||
Die [[COVID 19-Pandemie]] erreicht im Frühjahr 2020 auch die Stadt Norden. Ab dem Sommer wird vom Landkreis Aurich das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes im innerstädtischen Bereich und an frequentierten Bereichen im Norder Hafen verfügt. | |||
==Verwaltung== | ==Verwaltung== | ||
Version vom 22. April 2021, 10:09 Uhr
Stadt Norden | |
|---|---|
![]() | |
| Höhe | 7 m ü. NN |
| Fläche | 106,33 |
| Einwohner | 25.614 (31.12.2020) |
| Gründung | um 800 |
| Bevölkerungsdichte | 241 Einwohner/km² |
Norden ist die nordwestlichste Stadt auf dem deutschen Festland. Sie hat 25.614 Einwohner (Stand: 31.12.2020), die sich auf einer Fläche von rund 13,38 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im Norder Vertrag aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus.
Als Stammsitz wechselnder, mächtiger Häuptlingsgeschlechter war Norden über Jahrhunderte dominierender Ort des historischen Norderlandes und bedingt dadurch, dass die seit dem 15. Jahrhundert in Ostfriesland vorherrschenden Cirksenas hier über lange Zeit ihren Sitz hatten, auch der gesamten Region. Bis zum 31. Juli 1977 war die Stadt Norden Sitz des Landkreis Norden, der am 1. August jenes Jahres im Landkreis Aurich aufging.
Die Region um Norden ist vor allem durch die Landwirtschaft und den Tourismus geprägt. Letztgenannter ist heute der dominierende Wirtschaftszweig. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe in der Stadt Norden, die bekannteste davon dürfte wohl die Firma Doornkaat sein, welche die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte.
Namensherkunft
Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist "Nordedi" (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu ('Norder Wald') genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische "norð", altfriesisches north ('Norden').[1] Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass der Stadtname 884 ebenfalls im Zusammenhang mit der Schlacht von Nordendi fällt. Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die friesischen Gewässer heimsuchenden Wikinger und Gründungsmythos der Theelacht.
Wappen
Das Norder Stadtwappen zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte Stadtsiegel aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert.
Die Sporenräder sind dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert in Norden vorherrschenden Häuptlingsfamilie Idzinga entnommen. Blau und gelb sind die Stadtfarben von Norden. Sie verdeutlichen den Wohlstand und die Lage am Meer. Der Heilige Andreas ist der Schutzpatron der Stadt. Ihm war die Andreaskirche in der Stadtmitte geweiht.
Bevölkerungsentwicklung
Anmerkung: Die hier vorliegenden Daten beziehen sich jeweils auf die heute geltenden Grenzen. Daher werden bereits beispielsweise vor der Kommunalreform 1972 die Einwohnerzahlen der ab dann zu Norden gehörenden Stadtteile in den nachfolgenden Tabellen mitgerechnet.
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Geografie
Norden ist die nordwestliche Stadt auf dem deutschen Festland und erstreckt sich auf etwa 106,33 Quadratkilometer. Seewärts wird die Stadt von 27,3 Kilometer Seedeich begrenzt. Die größte Nord-Süd-Ausdehnung beträgt rund 21 Kilometer, die größte Ost-West-Ausdehnung ca. 13 Kilometer. Die höchste Erhebung Nordens, der Alte Friedhof liegt auf 9,7 Meter über Normalnull, im Mittel liegt Norden etwa 7 Meter über Normalnull.[2]
Der Küste vorgelagert sind die Inseln (von Ost nach West) Norderney, Juist und Memmert. Zwischen der Küstenlinie und den Inseln befindet sich das Wattenmeer, das als "Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer" unter Naturschutz steht und im Juni 2009 gemeinsam mit dem schleswig-holsteinischen und dem niederländischen Teil des Wattenmeers von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde.[3] Südwestlich der Stadt liegt die Leybucht.
Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn, von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (beide Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am Schwarzen Weg aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel.
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.
Der Stadtkern von Norden liegt auf einer Geestinsel, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.[4] Auch Bargebur und Tidofeld sowie Süderneuland II befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der Marsch liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im Geestboden dominiert Sand, im Marschboden schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten.
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die Erste Dionysiusflut, bei der u.a. das Dorf Westeel zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem Udo-Focken-Deich, dem Meer abgerungen und wiedereingedeicht. Der geologisch jüngste Stadtteil Leybuchtpolder wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des Störtebekerdeichs eingedeicht und urbar gemacht. Der Großteil der Eindeichungen konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der Leybucht und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch Neuwesteel wurde erst im 20. Jahrhundert dem Meer abgerungen.
Norden ist geprägt von Wasser und Landwirtschaftsflächen, fast 80 Prozent des Stadtgebiets werden landwirtschaftlich genutzt. Auf den eingepolderten Flächen im Süden der Stadt wird Ackerbau betrieben. Das eingepolderte Marschland, das vor allem aus früherem Schlick besteht, ist sehr fruchtbar. Angepflanzt werden hauptsächlich Kartoffeln, Getreide und Raps. Auf den anderen Landwirtschaftsflächen wird Viehzucht betrieben. Dominierend ist hier die Milchviehwirtschaft, gefolgt von der Schweinezucht. Auf den Deichen weiden in den wärmeren Monat Schafe, die nicht nur die Grasnarbe niedrig halten, sondern zugleich auch mit ihren Hufen den Deichboden festtreten.
Da weite Teile des Stadtgebiets nur unwesentlich über dem Meeresspiegel liegen, muss das Land kontinuierlich entwässert werden. Das Norder Tief, früher Fahrwasser des Norder Hafens, spielt dabei eine bedeutende Rolle. Über die Schöpfwerke Leybuchtsiel und Leysiel entwässert es in die Leybucht und dadurch in die Nordsee. Diese Vielzahl an Gräben und die ständige Entwässerung machen eine Besiedlung der Region überhaupt erst möglich. Neben dem Norder Tief und seinen zahlreichen Zuflüssen, wie dem Addinggaster Tief oder dem Langhauser Tief, prägen noch eine Vielzahl von kleinen und größeren Entwässerungsgräben die Landschaft um Norden - wie auch im Rest von Ostfriesland.
Wie die meisten der zum größten Teil in der Marsch gelegenen Orte ist Norden nur äußerst spärlich bewaldet. Ursächlich dafür ist, dass diese Gebiete bis vor wenigen hundert Jahren noch unter Wasser standen und nie eine wesentliche Aufforstung erfahren haben.
Gliederung
Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die Kernstadt umfasst neben dem alten Stadtzentrum noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeinde Sandbauerschaft mit ihren ehemaligen Ortsteilen
Die offiziellen, administrativen Stadtteile sind Bargebur, Leybuchtpolder, Neuwesteel, Norddeich, Ostermarsch, Süderneuland I, Süderneuland II, Tidofeld, Westermarsch I und Westermarsch II. Bis auf Bargebur und Tidofeld, die historisch zu Lütetsburg gehörten, waren alle heutigen Stadtteile bis zur Kommunalreform 1972 eigenständige Gemeinden bzw. Samtgemeinden, im Falle von Norddeich handelt es sich um einen Sonderfall. Der heutige Ortsteil Norddeich ist praktisch identisch mit der ehemaligen Gemeinde Lintelermarsch, von dem Norddeich ursprünglich nur ein Ortsteil war. Da Norddeich aber in den Folgejahren aufblühte und sich zum Kernort entwickelte, erfolgte die Umbenennung.
Die Kernstadt und die Ortsteile Bargebur, Norddeich, Süderneuland I und Süderneuland II, Tidofeld sowie Teile von Westermarsch II, dessen nordwestliche Teile oftmals fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden, sind baulich weitestgehend zusammengewachsen, und formen, mit Ausnahme von Norddeich und Westermarsch II, die ausgedehnten Wohn- und Gewerbegebiete im Süden und Osten der Stadt. In diesem Ballungsgebiet leben etwa 92,5 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung.[5] Die verbleibenden Ortsteile sind nach wie vor sehr ländlich geprägt und überwiegend äußerst spärlich besiedelt, nehmen jedoch den weitaus größten Teil der städtischen Gesamtfläche ein. Die historische Kernstadt umfasst eine Fläche von nicht einmal 14 km², was nicht einmal einen Anteil von 15 % an der städtischen Gesamtfläche darstellt.
Geschichte
- siehe auch: Chronik der Stadt Norden
Frühzeit
Das Gebiet der heutigen Stadt Norden wurde nachweislich schon in der Mittelsteinzeit, viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, besiedelt. Besiedelt wurde das Gebiet vor allem von den Friesen, aber auch Chauken und Sachsen waren hier sesshaft.
Die Menschen besiedelten zunächst die Gebiete auf der Norder Geestinsel, die deutlich über den Meeresspiegel ragt und dadurch einen natürlichen Schutz vor Überflutungen but. Die umliegenden Marschgebiete wurden erst wesentlich später besiedelt bzw. eingedeicht. Entlang der Geestinsel bildeten sich einzelne Bauerschaften, die sich später zu einer Gemeinde, der sogenannten Sandbauerschaft, zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie einen Marktplatz, von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehmene Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser, sogar eine Burg entstand. In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften parallel zur Besiedlung um den Marktplatz weiter zusammen.
Die genaue Entstehung der Stadt Norden ist jedoch ansonsten weitgehend unbekannt. Aus der Frühzeit der Stadt liegen wenige Belege vor, deren Deutung unsicher ist. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in Ekel deuten auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Zudem scheint in der Umgebung von Norden im frühen Mittelalter neben der Landwirtschaft vor allem die Produktion von Eisen eine wichtige wirtschaftliche Rolle gespielt zu haben. Noch ist über die Bedeutung des Ortes im Wirtschaftsgefüge des Norderlandes jedoch wenig und nichts Sicheres bekannt.
Der Marktort war über eine hochwassersichere Verbindung auf der Geest mit Esens verbunden, das Endpunkt des Friesischen Heerwegs von Oldenburg war. Noch heute erinnert die Heerstraße mit ihrem Namen daran. Aber auch die Osterstraße war einst ein alter Heerweg. Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders in den Marschgebieten, aber auch in Norden, gab es mehrere Kalkwarfen sowie Salzsiedereien.
Mittelalter
Norden gehörte vermutlich zunächst zum historischen Federgau. Nach dem Einbruch der Leybucht, die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das Kirchspiel Norden ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau.[6] So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort des Gaues Nordendi, der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter Norder-, Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des Norderlandes.
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden. Die Andreaskirche war die erste von ihnen. Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche Warft, auf der sie die Kirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, bis sie 1531 von Balthasar von Esens gebrandschaft wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl.
Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die Ludgerikirche. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das Kloster Marienthal - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das Kloster Norden, das wiederum von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Vertragsunterzeichnungen, wie dem Norder Vertrag im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als "älteste Stadt Ostfrieslands" bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Ob es in Norden jemals eine formelle Stadtrechtsverleihung gab, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Naheliegend ist, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und fortwährend als solche bezeichnet wurde.
Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die Friesische Freiheit, die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder leibeigen. Doch bedingt durch mehrere verheerende Sturmfluten, wie etwa die Erste Dionysiusflut, im 14. Jahrhundert, das auch als "Jahrhundert der Sturmfluten" in die Geschichte einging, führte dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie Westeel müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen Süderneulandes werden an die Fluten verloren. Hinzu kam eine verheerende Pestepidemie, die weitere Todesopfer forderte. Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hevortun. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als Häuptlinge über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten.
In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran die Idzinga. Später fiel Norden an die Tom Brook aus dem Brookmerland, dann an die Ukena und schließlich an die Cirksena, die sich nach der Schlacht von Bargebur als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum nach Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der Norder Hafen entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren.
Zu dieser Zeit gab es mehrere Burgen der vorherrschenden Häuptlingsfamilien des Ortes. Diese darf man sich jedoch nicht wie jene Burgen aus der Trivialliteratur vorstellen, sondern vielmehr um größere Steinhäuser. Steine waren und sind aufgrund fehlender, natürlicher Vorkommen ein seltener Rohstoff in Ostfriesland. Nur die wohlhabendsten Persönlichkeiten konnten sich Steine leisten. Die meisten Behausungen bestanden aus Lehm, Torf oder Holz. Die älteste Burg war die Oldeborg nahe des Norder Marktplatzes, an die heute noch der Straßenname Burggraben erinnert. Das damals wichtigste Norder Geschlecht, die Idzinga, errichteten ihre Burg in Ostlintel, hatten aber auch weitere Besitztümer im Stadtgebiet, so etwa der Engenahof am Marktplatz, in dem seit Oktober 1945 die Norder Polizei ansässig ist. Aus dem Wappen der Idzinga stammen die goldenen Sporenräder im Stadtwappen. Neben den Burgen entstanden mehrere mehrere Wehrhäuser, die sich ringförmig um die Stadt legten und so einen grundlegenden Schutz vor Angreifern boten. Norden hatte, anders als beispielsweise Emden, zu keiner Zeit eine Stadtmauer oder eine vergleichbare Befestigung.
16. Jahrhundert
Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings Balthasar von Esens die unbefestigte Stadt. Seine Truppen zerstörten unter anderem den Vorgängerbau des Alten Rathauses, die beiden Klöster und die Andreaskirche. Balthasar galt als unbeherrschter, streitsüchtiger Zeitgenosse, der seine Männer sogar nach seinem Abzug erneut in die brennende Andreaskirche schickte, da der Turm noch nicht in Brand geraten war. Sie starben dort den Feuertod. Anhand seiner Zerstörungen wird ersichtlich, dass Balthasar es nur auf die Stadt und die Cirksenas abgesehen hatte, da er beispielsweise die Ludgerikirche, die Kirche der Norder Umlandgemeinden, unbeschadetet ließ. Nach dem Wiederaufbau Nordens gab Graf Enno II. dem Ort mit den Instituta Nordana eine Stadtordnung (1535), die aufgrund der historischen Bedeutung des Wortes auch "Polizeiordnung" genannt wurde.
1517 schlägt Martin Luther die 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg, in der er die Missstände in der katholischen Kirche aufzeigt. Bereits zwei Jahre später sendet er einen Mönch namens Stephani nach Norden, um seine Lehren im Dominikaner- und im Benediktinerkloster zu verbreiten. Die Reformation schreitet in Norden zügig voran und findet bis in das Grafenhaus Gehör. In der Folge werden das Kloster Marienthal und das Kloster Norden säkularisiert (verweltlicht), aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Die Klosterinsassen verlassen die Stadt, schließen sich anderen Orden an oder konvertieren. Das Kloster Marienthal wird als Gasthaus für die Armenpflege genutzt, auf dem Grund des Dominikanerklosters errichtet Enno II. Cirksena seinen Stammsitz. Hier entsteht später der Fräuleinshof sowie die Lateinschule als Vorläufer des Ulrichsgymnasiums.
Nach dem Tode von Enno II. regiert über mehrere Zeit seine Ehefrau Anna von Oldenburg vormündig für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erweist sich als förderlich, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der Stadt Norden angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blüht Norden auf. Sie fördert das Schulwesen, die Armenfürsorge und beginnt die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen Süderneulandes. Auch in der Westermarsch fördert sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Sie erbaut den (alten) Süderdeich, durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbargemacht werden können. Dieses Gebiet wird heute als Altes Westermarscher Neuland bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der Altendeichsweg, der auf der damaligen Deichlinie verläuft.
Im 16. Jahrhundert lassen sich erstmals Juden in der Stadt nieder. Bis zu ihrem Niedergang im Jahre 1940 lag der Schwerpunkt der jüdischen Gemeinde im Umfeld des Synagogenwegs. Der jüdische Friedhof ist der älteste in Ostfriesland.
Unter den Söhnen von Anna und Enno II. kommt es zu großen Streitigkeiten. Anna schaffte die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) ab, sodass Edzard II. Cirksena und Johann II. Cirksena gemeinsam regierten. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zu einer Trennung der beiden. Verschärft wurde dies durch unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der evangelisch-lutherischen, Johann II. der calvinistischen (evangelisch-reformierten) Konfession an. Sie regierten mehr gegen-, als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands kaum.
Die Reformation erbrachte in Norden einen teilweise erbittert geführten Streit zwischen calvinistischen Protestanten und Lutheranern. Die kurze Zeit später erlassene Regelung "Cuius regio, eius religio" (wer die Macht ausübt, bestimmt in seinem Bereich die Weltanschauung) wurde in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren. In dieser Gemengelage stritten in Norden lutherisch Gesinnte und Calvinisten (Reformierte) erbittert über die Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die lutherischen Geistlichen durch (siehe auch: Geschichte der Luderigemeinde Norden).
Die Gründung einer reformierten Gemeinde erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in Bargebur, damals kurz vor den Toren der Stadt, eine reformierte Kirche bauen wollten. Aufgebrachte Norder Bürger rissen den Bau wieder ein, erst unter der Aufsicht brandenburgischer Truppen konnte der Bau 1684 abgeschlossen werden.
1591 starb Johann II., die Machtposition des Hauses Cirksena hatte unter ihrer Herrschaft jedoch stark gelitten. Sie verloren Emden und wurden durch die mächtigen niederländischen Generalstaaten durch Verträge einem Großteil ihrer Macht beraubt, da die erstarkenden ostfriesischen Stände, die durch die Ostfriesische Landschaft an der Macht in der Region beteiligt waren, immer selbstbewusser gegen das durch sich selbst geschwächte Haus Cirksena vorgingen. Dieser Trend setzte sich unter dem Nachfolger Enno III. Cirksena fort, der kaum noch politische Macht besaß. Der Großteil der Macht lag seit seiner Regierung bei der Ostfriesischen Landschaft.
17. Jahrhundert
Ein weiterer Konfliktpunkt war die Steuerpolitik der Grafen. Der Streit eskalierte im Jahre 1602, als Graf Enno III. die Stadt eroberte, nachdem diese ihm die Huldigung verweigert hatte. Enno erkannte der Stadt sämtliche Privilegien ab und erteilte diese erst nach erfolgter Huldigung wieder. In den Jahren 1597/98 und noch einmal 1611 brach in der Stadt die Pest aus. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und Ulrich II. Cirksena sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte Ulrichsgymnasium.
18. Jahrhundert
Bei der Weihnachtsflut im Jahre 1717 wird das Norder Stadtgebiet erneut schwer getroffen. In der Folge wird Itzendorf an das Meer verloren und später ausgedeicht. Heute erinnert noch eine Untiefe in der Nordsee, die Itzendorfplate an diesen Ort. Heute bezeichnet man noch die Region um den Campingplatz als "Itzendorf".
1724 beginnt der Appell-Krieg, ein Konflikt zwischen Georg Albrecht Cirksena und den ostfriesischen Ständen um die Steuerhoheit in der Region. 1727 holt sich der Fürst dänische Truppen zur Unterstützung ins Land, die ihr Norder Lager im Alten Rathaus aufschlagen. Nach heutiger Definition kann der Appell-Krieg als Bürgerkrieg angesehen werden. Einer der wichtigsten Auswirkungen war, dass sich das Königreich Preußen eine Anwartschaft auf Ostfriesland für den Fall fehlender männlicher Erben sichern konnte. Tatsächlich stirbt Carl Edzard Cirksena im Jahr 1744 als letzter seines Geschlechts kinderlos in Aurich. Ostfriesland fällt dadurch an Preußen unter Friedrich dem Großen. Der preußische Staat förderte in den folgenden Jahrzehnten den Landesausbau Ostfrieslands, besonders durch Moorkolonisierung, aber auch durch Eindeichungen, wodurch das südlich von Norden gelegene Land weiter wächst. 1769 gründeten Justus Friedrich Steinbömer (1777) und Johann Heinrich Lubinus die Rauchtabakfabrik Steinbömer & Lubinus, das sich für die wirtschaftliche Entwicklung Nordens als sehr förderlich erweist. 1794 gründen sieben Norder Kaufleute und Bürger aus Hage die Fehnsiedlung Norderfehn (heute Berumerfehn) sowie die Norder Fehngesellschaft. Sie bauten dort Torf ab, das seinerzeit das gängiste und wichtigste Heizmittel in Ostfriesland war. Dazu gruben sie den heutigen Berumerfehnkanal, der den Norder Hafen mit der neuen Fehnkolonie verband. Auf rund 1500 Hektar Fläche wurde der Torf gestochen und – erstmals 1797 – mit kleinen Schiffen auf dem Kanal nach Norden transportiert. Die Stadt wurde damit unabhängig von den zuvor nötigen Importen des Brennmaterials, das vor allem aus dem Groningerland und dem Saterland beschafft wurde.
19. Jahrhundert
1806 fällt Ostfriesland unter die Herrschaft von Napoleon Bonaparte und wird Teil des Königreichs Holland, einem französischen Vasallenstaat, der von Napoleons Bruder regiert wird. Im selben Jahr wird die Firma Doornkaat gegründet, das über fast 200 Jahre zum bedeutendsten privaten Arbeitgeber avanciert. Ab 1810 wird Norden dem "Départements Ems-Oriental" zugerechnet. Nach dem Sieg des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher über Napoleon bei der Schlacht von Waterloo fällt Ostfriesland aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses an das Königreich Hannover. Die Norder benennen den westlichen Teil des Marktplatzes zu Ehren des siegreichen Generals "Blücherplatz".
In den 1840er Jahren werden in Ostfriesland mehrere Chausseen angelegt, die die hiesigen Städte miteinander verbinden. Dazu zählt die 1844 fertiggestellte Chaussee von Norden nach Emden, die zudem ab Georgsheil einen Anschluss nach Aurich sicherte. Heute ist dies die Bundesstraße. Von 1844 bis 1846 wird im Süden des heutigen Stadtgebiets der Ernst-August-Polder (benannt nach dem Hannoverschen König) eingedeicht. Die Chaussee nach Hage kam 1856 hinzu, neun Jahre später bis Arle verlängert (Vorläufer der heutigen Landesstraße 6). Die Heerstraße ist Teil dieser alten Chaussee und verläuft auf einem alten Heerweg, der Teil des sogenannten Friesischen Heerwegs war.
Im Revolutionsjahr 1848 kommt es auch in Norden zu politischen Umbrüchen und einem größerwerdenden Interesse an politischer Teilhabe. Es kommt zur Gründung eines Bürgervereins, dessen politisches Wirken jedoch nicht von langer Dauer war. Unter der Leitung des Industriellen Arend Wilhelm Steinbömer kommt es zur Gründung einer Bürgerwehr, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten will. Die erste Zeitung, das Norder Stadtblatt, erscheint noch im selben Jahr. Weitere Verleger nutzten ebenfalls die neu gewonnene Pressefreiheit, ihnen allen war wirtschaftlich jedoch nur ein kurzes Leben beschieden. Erst 1867 wurde der Ostfriesische Kurier gegründet, der bis zum heutigen Tag das Lokalblatt des Altkreises Norden bleibt.
Durch günstige Rahmenbedingungen gründen sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung weitere bedeutende Unternehmen in Norden. So etwa noch im Revolutionsjahr 1848 die Eisenhütte. Ausschlaggebend hierfür waren besonders eine gute Hafenanbindung.
1866 kommt Ostfriesland mit dem Ende eines eigenständigen hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer ist jedoch mittlerweile stark verlandet und die Bedeutung des Norder Hafens dadurch vermindert, während die Bedeutung des Norddeicher Hafens ansteigt. Die Stadt ist mittlerweile nur noch über das Norder Tief mit dem Meer verbunden. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sinkt stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wird der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment wiedersinnig klingen, aber die Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos.
Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt Norddeich Mole, weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des gleichnamigen Landkreises, der aus den früheren Ämtern Norden und Berum bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der Frisiamühle, dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister Johannes König wird, kommt es 1886 unter der Führung des Jan ten Doornkaat Koolman zur Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr. Im Jahr 1889 beginnt der Bau der ersten Hafenmole in Norddeich. 1898 wird erstmals das Fernsprechnetz (Telefonnetz) nach Norden ausgebaut.
1900 bis 1949
1905 wird die legendäre Küstenfunkstelle Norddeich Radio errichtet, 1907 wird die städtische Gasversorung errichtet, am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen damit beliefert. Am 10. März 1914 erfolgt der Anschluss der Stadt an die Elektrizitätsversorgung. Während des Ersten Weltkrieges werden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben auf den Kriegsschauplätzen in Europa. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. Vor allem die Küstenfunkstelle hatte in den nächsten vier Jahren große Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt.
Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren. Es dauerte aber bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden kann. Zu einem Streik kam es 1906, als die Arbeiter der Eisenhütte in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen Zeitungsannoncen die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär niedergeschlagen wurden. Ein Jahr später (1907) werden erstmals auch private Haushalte mit Stadtgas beliefert.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Zum 1. April 1919 wird die Sandbauerschaft nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich wächst.
Erstmals tauchen am 7. November 1919 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz der Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer Onno Behrends versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten, was auch gelang. Die Arbeiter- und Soldatenräte lösten sich im Sommer 1919 auf.
1923 besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück.
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht 1928 bis 1929 der Ort Neuwesteel ("Süderpolder"), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau eines Siels erforderlich. Norden verliert dadurch seinen Zugang zum offenen Meer und der Norder Hafen verliert endgültig an Bedeutung, da der offene Zugang zur See nicht mehr gewährleistet ist. Der Siegeszug des Norddeicher Hafens beginnt.
Bei den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten, die bereits seit 1923 eine eigene Ortsgruppe hatten, in der Stadt die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft zurückzuführen ist. Bereits wenige Tage später setzen Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der Gaststätte Zur Börse brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Im Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit "arischen" Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes geführt, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein Rasseschänder".
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß viele Jahrhunderte hindurch eine jüdische Gemeinde mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die Norder Synagoge wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das Schulhaus, das Wohnhaus des Rabbiners und das des Lehrers stehen indes bis heute. Die Synagoge in Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am Schlachthof zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Die letzten Juden wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern führten. Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die Funktion Norddeichs als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den "Atlantikwall" aufgerüstet wurden, die Küstenfunkstelle Norddeich Radio, der Propagandasender Osterloog und das Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine. Um die Stadt herum wurden mehrere Flakstellungen und Bunker errichtet. Zum Einsatz an der "Heimatflak" wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutigen Maßstäben als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt sterben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird jedes Jahr zum Volkstrauertag am Glockenturm gedacht.
Am 4. Mai treffen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer Lenhard Everwien, der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht vorgesprochen hatten, wurde die Stadt kampflos übergeben. Nachfolgend übernimmt die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führt eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten werden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch das Ulrichsgymnasium, das noch während des Krieges im Keller verbunkert wurde, dient einige Zeit als Lazarett.
Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nimmt die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen Kasernengelände wird ein Vertriebenenlager eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten Landkreis Norden werden Ende 1946 rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter auch aus Emden, das nach dem alliierten Bombenterror im September 1944 nahezu vollständig zerstört wurde. Diese etwa 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld werden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnen bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wird alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand.
Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernennt die britische am 8. Juni 1945 Dr. Albert Schöneberg. Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste Nachkriegsstadtrat. Hauptaufgabe des ernannten Stadtrates, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen "Deutschen Gemeindeordnung", die damit verbundene Redemokratisierung der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das "Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung". Bereits im März 1946 wird Schöneberg durch die Militärregierung als Bürgermeister wieder abgesetzt. An seine Stelle tritt Johann Fischer als zweiter Nachkriegsbürgermeister.
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor Georg Schubach musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat Walter Klein an.
1950er Jahre
Von 1947 bis 1950 wurde der Leybuchtpolder eingedeicht, auf dem später der heutige, gleichnamige Ortsteil entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der Leybucht geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen Störtebekerdeiches. Bei der anschließenden Landvergabe wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. „Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist“, hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden darüber hinaus 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar.
Nördlich der historischen Kernstadt entstand Norden-Neustadt, vornehmlich um die Vielzahl der Vertriebenen angemessen unterzubringen. Bis heute erinnert ein Großteil der Straßennamen an die Vergangenheit der Bewohner, indem sie überwiegend nach ehemals deutschen Städten wie Königsberg, Breslau oder Stettin benannt wurden.
Am 1. Januar 1951 trifft der schwedische Fußballverein "Nybro Idrottsförening" in Norden ein und spielt gegen den FC Norden. Es ist das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund der Stadt Norden; es kommt zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein Jahr später wird Tidofeld, damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der Kernstadt.
Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Ab diesem Jahrzehnt erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, begonnen 1958 mit der Kanalisation im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die Nadörster Schule. Erste Rufe nach einer Umgehungsstraße für die Innenstadt wurden laut, die immer stärker durch den immer massiver werden Straßenverkehr belastet wurde, der noch durch den aufblühenden Tourismus verstärkt wurde. Mit dem aufkommenden Wirtschaftswunder verlassen viele Flüchtlinge und Vertriebene die Stadt auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen vor allem in Richtung des wiederaufblühenden Ruhrgebiets.
1960er Jahre
Ab 1968 wird eine umfangreiche Altstadtsanierung durchgeführt, der ein Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer fällt. Die Gebäude an der nördlichen Kirchstraße, der Sielstraße, der Großen Lohne und Steenbalgen werden vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Die Wohnungsbaugesellschaft "Neue Heimat" errichtet auf dem nun freien Gelände mehrere Mehrfamilienhäuser und dazu drei Wohnhochhäuser auf dem heutigen Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz, der bis dahin noch ein Teil der Kirchstraße war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wird unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer Tiefbunker errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme werden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem müssen die Alleebepflanzungen der Bahnhofstraße und der Norddeicher Straße weichen. Weitere bedeutende Gebäude, wie die Dritte Schwester, werden abgerissen und entweder durch schmucklose Neubauten, Parkplätze oder Straßenzüge ersetzt. Gebäude wie das Schöninghsche Haus und das Vossenhus entkommen nur knapp demselben Schicksal. Da jedoch in den 1970er Jahren allmählich ein Umdenken stattfindet, wird glücklicherweise ein Großteil der historischen Baustruktur erhalten. Ein sehr gutes Beispiel für diesen Sinneswandel sind die große Bemühungen um den Erhalt des Engenahofs (heute Polizeikommissariat), bei dem zwar der marode Innenteil abgerissen wurde, die historisch wertvolle Fassade und der Kellerbau erhalten geblieben ist.
Für die bessere medizinische Versorgung der Einwohner Nordens und des Umlands wird 1966 ein neues Kreiskrankenhaus Norden eröffnet an der Osterstraße worden. Das Städtische Krankenhaus an der Feldstraße wird geschlossen und an die Stadtwerke Norden übergeben. Nun werden auch die zahlreichen, als Lazarett dienenden Baracken nicht mehr benötigt. Einzig erhalten ist bis heute noch jene Baracke an der Kastanienallee, das heute als Vereinsheim für drei Norder Vereine dient.
1970er Jahre
Zwischen 1969 und 1979 wird im durch den Tourismus aufblühenden Stadtteil Norddeich erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstehen die Seehundstation (die sich zuvor noch am Schwanenteich befunden hat), ein Meerwasserhallenbecken, neue Promenaden und ein aufgespülter Sandstrand. Dies führte dazu, dass Norddeich seit 1979 die offizielle Bezeichnung "Staatlich anerkanntes Nordseebad" trägt. Norden-Norddeich ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste.
Durch die niedersächsische Kommunalreform 1972 kommen die bis dahin selbstständigen (Samt-)Gemeinden Leybuchtpolder, Neuwesteel, Norddeich, Ostermarsch, Süderneuland I, Süderneuland II, Westermarsch I und Westermarsch II. zum Stadtgebiet und werden fortan als Stadtteile gezählt. Gemeinsam mit Tidofeld hat Norden nun neun amtliche Stadtteile.
Zwischen 1972 und 1975 wird der Seedeich deutlich verstärkt. Den Baumaßnahmen fällt unter anderem der Große Krug zum Opfer.
Bei der Kreisreform 1977 hingegen verlor die Stadt Norden den Sitz des gleichnamigen Kreises und gehört seither als Mittelzentrum zum Landkreis Aurich mit der Kreisstadt Aurich. Dies war vor allem bedingt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt und des Umlandes sowie der geringeren Einwohnerzahl gegenüber dem Altkreis Aurich.
1980er Jahre
Wirtschaftlich geht es Norden in den 1980er Jahren außerordentlich schlecht. Die Schließung eines Zweigwerks des Büromaschinenherstellers Olympia in Tidofeld und der langsame Niedergang von Doornkaat sowie weiterer Betriebe treiben die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Beinahe 30 % der Norder Erwerbsfähigen sind zu dieser Zeit arbeitslos gemeldet.
1989 erfolgt die Umwandlung des Neuen Wegs und der westlichen Osterstraße zu Fußgängerzonen. Die Fahrbahnen werden erheblich verschmalert, der allgemeine Kraftfahrzeugverkehr verboten. Fortan verwaist der südliche Neue Weg und wird kaum noch frequentiert. Ein Umstand, der sich bis heute erhalten hat.
1990er Jahre
In den 1990er Jahren, teils vorher, siedeln sich zunehmend Betriebe im Leegemoor an, das sich fortan zu einem blühenden Gewerbegebiet entwickelt. Die hohe Arbeitslosigkeit nimmt dadurch sukzessive ab, ist aber - bis heute - die höchste in Ostfriesland.
Schon in den 1980er Jahren, mehr noch in den 1990er Jahren ist die Stadt dazu übergegangen, den Marktplatz Stück für Stück attraktiver zu gestalten, den Gebäuden historische Details zurückzugeben und historische Merkmale nachträglich besonders hervorzuheben.
1996 wird Tidofeld, das seit seiner Eingemeindung im Jahr 1952 zur Kernstadt gehörte, ein eigenständiger Stadtteil. Die Geschichte der stolzen Küstenfunkstelle Norddeich Radio endet 1998. In das Gebäude zieht nachfolgend ein Callcenter einer Telekom-Tochtergesellschaft ein.
2000er Jahre
Im Oktober 2013 wird bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdenken und die Machbarkeit prüfen wollen. Bei einem Bau einer gemeinsamen Klinik dort würden die beiden Standorte der Ubbo-Emmius-Klinik sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus ist damit besiegelt, aber genaueres noch offen.
Nach Jahrzehnten der Diskussion und des Bemühens um Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan erhielt Norden 2009 endlich eine Umgehungsstraße, die Teil der Bundesstraße 72 wird. Durch den Bau wird die innerstädtische Verkehrsbelastung erheblich reduziert. Zugleich verlieren die Bahnhofstraße, Burggraben die Norddeicher Straße ihren Status als Bundesstraße und werden zu Landesstraßen.
2010er Jahre
Seit 2010 trägt "Norden-Norddeich" den Titel als "staatlich anerkanntes Nordseeheilbad". Die höchste touristische Anerkennungsstufe in Niedersachsen.
2020er Jahre
Die COVID 19-Pandemie erreicht im Frühjahr 2020 auch die Stadt Norden. Ab dem Sommer wird vom Landkreis Aurich das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes im innerstädtischen Bereich und an frequentierten Bereichen im Norder Hafen verfügt.
Verwaltung
- siehe auch: Ostfriesische Häuptlinge
Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die "Friesische Freiheit" bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter ("Redjeven") wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.
Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Prinzipien der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die Zweite Marcellusflut im Jahr 1362 und eine verheerende Pestepidemie um 1350 geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. In der Westermarsch gelangten zunächst die Idzinga an die Macht, deren Hauptsitz in Itzendorf in der östlichen Westermarsch war. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhebten, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.
Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling Ulrich Cirksena in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland.
Bildung
Religion
Gesundheit und Soziales
Wirtschaft und Verkehr
Erwähnenswerte Bauwerke
Einzelnachweise
- ↑ Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456
- ↑ Zahlen und Daten auf Norden.de, abgerufen am 20. April 2021
- ↑ Internetseite vom Nationalpark Wattenmeer, abgerufen am 20. April 2021
- ↑ Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94
- ↑ Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen, abgerufen am 20. April 2021
- ↑ Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen, abgerufen am 21. April 2021
Quellenverzeichnis
- Beschreibung von Norden in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
- Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden
