Leegemoorgesellschaft: Unterschied zwischen den Versionen
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Die 95 Anteile der Leegemoorgesellschaft wurden anteilig auf die einzelnen 95 Interessenten verteilt. Zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung gründeten die ''Gebräucher'' (Landnutzer) die ''Leegemoorgesellschaft''. Die Weiden wurden seit jeher überwiegend zur Viehhaltung genutzt. Dazu beschäftigte man einen eigenen Hirten, der in einem eigenen [[Hirtenhaus (Leegemoorgesellschaft)|Hirtenhaus]] wohnte. In einem Raum dieses Hauses hielt die Leegemoorgesellschaft früher auch ihre jährlichen Treffen statt.<ref name=":0" /> Das Gebäude ist bis heute erhalten und befindet sich am Ende der [[Zinngießerstraße]]. An das Hirtenhaus erinnert auch der Straßenname [[Zum Hirtenhaus|''Zum Hirtenhaus'']]. | Die 95 Anteile der Leegemoorgesellschaft wurden anteilig auf die einzelnen 95 Interessenten verteilt. Zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung gründeten die ''Gebräucher'' (Landnutzer) die ''Leegemoorgesellschaft''. Die Weiden wurden seit jeher überwiegend zur Viehhaltung genutzt. Dazu beschäftigte man einen eigenen Hirten, der in einem eigenen [[Hirtenhaus (Leegemoorgesellschaft)|Hirtenhaus]] wohnte. In einem Raum dieses Hauses hielt die Leegemoorgesellschaft früher auch ihre jährlichen Treffen statt.<ref name=":0" /> Das Gebäude ist bis heute erhalten und befindet sich am Ende der [[Zinngießerstraße]]. An das Hirtenhaus erinnert auch der Straßenname [[Zum Hirtenhaus|''Zum Hirtenhaus'']]. | ||
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] erwies sich das Leegemoor als unabdingbar für die Versorgung der hungernden Bevölkerung mit Fleisch. Insbesondere, nachdem die gefürchteten Söldnerheere des | Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] erwies sich das Leegemoor als unabdingbar für die Versorgung der hungernden Bevölkerung mit Fleisch. Insbesondere, nachdem die gefürchteten Söldnerheere des Peter Ernst II. von Mansfeld die Stadt und das Umland in den Jahren 1622 bis 1624 heimsuchten, plünderten und brandschatzten, kam es zu großer Not. Auch nach ihrem Abzug - der Krieg dauerte noch bis 1648 - litt das Volk. Handel und Verkehr konnten kaum betrieben werden, allgemeines Elend griff um sich. Wahrscheinlich verkaufte [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] die Ländereien in dieser Zeit auch an die bisherigen Pächter, um die Staatskasse aufzufüllen. Zu dieser Zeit befanden sich die [[Altenbürgerlande|Alten- und Neuenbürgerlande]] bereits in (mehr oder minder) schon lange (seit etwa 1570) in fester Hand.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 3</ref> | ||
== Sitten und Gebräuche == | == Sitten und Gebräuche == | ||
Version vom 29. Oktober 2021, 06:54 Uhr
Leegemoorgesellschaft | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Gründung | 12. Oktober 1632 |
| Auflösung | - |
| Rechtsform | Genossenschaft |
| Hauptsitz | keiner |
Die Leegemoorgesellschaft ist ein seit Mitte des 16. Jahrhunderts auf genossenschaftlicher Basis geführter Verband von Interessenten (vergleichbar mit heutigen Aktionären). Die Leegemoorgesellschaft ist neben der Theelacht und der Altenbürgerlande eine der drei bis heute noch tagenden Norder Genossenschaften. Als offizielles Gründungsdatum wird der 12. Oktober 1632 angegeben, jedoch findet die Genossenschaft bereits in einem Erbpachtvertrag vom 23. April 1562 indirekt als Ordonnanz der Leegemoorgebräucher Erwähnung.
Geschichte
Nach Beendigung der Eindeichung des Süderneulandes im Jahr 1556 durch Gräfin Anna, damals Herrscherin über Ostfriesland, standen umfangreiche, neue Landflächen zur Urbmarmachung zur Verfügung. Die alte Deichlinie entlang der heutigen Bundesstraße wurde erheblich gen Leybucht erweitert. Südwestlich der Addinggaste befindliche Moorflächen, die durch den Nachfolger und Sohn Annas, Graf Edzard II. im Jahr 1562 an wohlhabende Norder Bürger, die ein Vermögen von mindestens 1.000 Reichstalern besaßen, als Gemeinweide in Erbpacht vergeben wurde. Den Bürgern stand es frei, die ihnen zur Verfügung gestellten Flächen zu bewirtschaften und daraus Früchte zu ziehen. Sie mussten dafür lediglich eine regelmäßige Pacht an den Grafen entrichten.[1]
Die 95 Anteile der Leegemoorgesellschaft wurden anteilig auf die einzelnen 95 Interessenten verteilt. Zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung gründeten die Gebräucher (Landnutzer) die Leegemoorgesellschaft. Die Weiden wurden seit jeher überwiegend zur Viehhaltung genutzt. Dazu beschäftigte man einen eigenen Hirten, der in einem eigenen Hirtenhaus wohnte. In einem Raum dieses Hauses hielt die Leegemoorgesellschaft früher auch ihre jährlichen Treffen statt.[1] Das Gebäude ist bis heute erhalten und befindet sich am Ende der Zinngießerstraße. An das Hirtenhaus erinnert auch der Straßenname Zum Hirtenhaus.
Während des Dreißigjährigen Kriegs erwies sich das Leegemoor als unabdingbar für die Versorgung der hungernden Bevölkerung mit Fleisch. Insbesondere, nachdem die gefürchteten Söldnerheere des Peter Ernst II. von Mansfeld die Stadt und das Umland in den Jahren 1622 bis 1624 heimsuchten, plünderten und brandschatzten, kam es zu großer Not. Auch nach ihrem Abzug - der Krieg dauerte noch bis 1648 - litt das Volk. Handel und Verkehr konnten kaum betrieben werden, allgemeines Elend griff um sich. Wahrscheinlich verkaufte Graf Enno III. die Ländereien in dieser Zeit auch an die bisherigen Pächter, um die Staatskasse aufzufüllen. Zu dieser Zeit befanden sich die Alten- und Neuenbürgerlande bereits in (mehr oder minder) schon lange (seit etwa 1570) in fester Hand.[2]
Sitten und Gebräuche
An jedem 2. Februar (Maria Lichtmess) im Jahr trifft sich die Leegemoorgesellschaft zur Abrechnungsversammlung, an der alle Anteilseigner teilnehmen können. Diese können grundsätzlich auch einen bevollmächtigten Vertreter (Lepelgasten) zur Versammlung schicken. In der Abrechnungsversammlung werden alle Angelegenheiten, die die Leegemoorgesellschaft betreffen, verhandelt. Während dieser Ofrekensversammeln darf ausschließlich ostfriesisches Plattdeutsch gesprochen werden. Frauen sind grundsätzlich nicht bei der Versammlung erlaubt; dies ist ihnen lediglich alle 25 Jahre anlässlich der Jubiläen gestattet. Auch die Servicekräfte dürfen ausschließlich männlich sein. Den Frauen wird jedoch bei jeder Abrechnungsversammlung in einer Ansprache (Proot för de Frolü) gedacht.
Bedingt durch die COVID 19-Pandemie konnte diese Tradition - erstmalig in der Geschichte - im Februar 2021 nicht stattfinden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fand sie dann in verschiedenen Gastwirtschaften und Hotels statt. Seit etwa 1850 tagte man im Vossenhus, dann ab ungefähr 1875 im Reichshof. Später verlegte man die Zusammenkunft in die Gastwirtschaft Zum Elephanten und dann in den Lentzhof. Bis zur Schließung des Deutschen Hauses traf man sich dort und seitdem wieder im Reichshof. Neben einem traditionell deftigem Essen, dem Leegemoorschmus auf Kosten der Gesellschaft, wird gemeinsam Tabak aus langen, weißen Tonpfeifen geraucht. Dazu wird ein Doornkaat, versehen mit einem Magenbitterschnaps, serviert. Angestoßen und getrunken wird up Leegemoors Wohlfahrt, also auf das Wohlergehen und Fortbestehen der Genossenschaft.
Bis heute schafft es die Leegemoorgesellschaft, ansehnliche Renditen zu erwirtschaften und halbjährich an die Anteilseigner auszuschütten. Dies ist wenig verwunderlich, da sich auf den Ländereien seit 1977 verschiedenste Gewerbebetriebe angesiedelt haben. Die letzte bis dahin unverpachtete Fläche der Leegemoorgesellschaft wurde 2007 als Gewerbefläche vermarktet.
Verwaltung
An der Spitze der Genossenschaft stand ursprünglich ein Gremium von vier Männern, deren Zahl sich aber ab Mitte des 17. Jahrhunderts und bis heute fortbestehend auf zwei, dem Ältesten und Jüngsten Vierten, reduzierte. Neben den Vierten, denen die Verwaltung oblag, gibt es noch die Technische Deputation und die Revisionskommission.
Der Älteste Vierte hat zudem die Aufgabe, die Interessenten und ihre Anteile bzw. Besitztümer an der Genossenschaft in einem Lagerbuch festzuhalten. Er ist damit auch für die die Umschreibung der Weiden auf die neuen Besitzer verantwortlich. Dies kommt insbesondere durch Vererbungen zustande, Verkäufe sind ausgesprochen selten.
Persönlichkeiten
Der Leegemoorgesellschaft gehörten seit ihrem Bestehen eine Vielzahl an bedeutenden Norder Persönlichkeiten an, was insbesondere an ihrer vornehmen Geschichte begründet ist. Bedeutende Mitglieder waren der Sohn des Begründers der Firma Doornkaat, Fiepko ten Doornkaat Koolman, Sanitätsrat Gustav Steinbömer und Buchdruckereibesitzer Heinrich Soltau.
Der Charakter der Gesellschaft hat sich in der heutigen Zeit dahingehend geändert, dass sich aus einer ländlichen Organisation eine Kapitalgesellschaft wurde, die jedoch nach wie vor auf genossenschaftlicher Basis geführt wird. Die Stadt Norden nahm von der Gesellschaft seit den 1980er Jahren immer mehr Flächen in Erbpacht, sodass aus dem als Weideland genutzten Gebiet mit der Zeit der heutige Gewerbe- und Dienstleistungspark Leegemoor entstanden ist. Dadurch ist es der Gesellschaft als einzige der drei Traditionsgesellschaften möglich, mehr als nur symbolische Beträge an ihre Anteilseigner auszuzahlen.
Trivia
Am 13. Juli 1639 erwarb Graf Ulrich II. insgesamt 1 1/2 Gras Land für 300 Gulden von der Leegemoorgesellschaft. Aus der Verpachtung dieser Lande erzielte Erlöse ließ er dem nach ihm benannten Ulrichsgymnasium zukommen lassen.[3]
Der Landkreis Aurich hält als Rechtsnachfolger des Landkreis Norden bis heute Anteile an der Leegemoorgesellschaft inne. Hierdurch erwirtschaftet dieser jährliche Dividenden von rund 3.000 Euro.[4]
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Schreiber, Gretje (2006): Norder Gemeinweiden im ausgehenden Mittelalter bis zur Neuzeit. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, S. 46
- ↑ Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 3
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 22
- ↑ Beteiligungsbericht des Landkreis Aurich aus dem Jahr 2017