Weinhaus: Unterschied zwischen den Versionen
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Ursprünglich war das Weinhaus im Besitz der Kirche, die wohl auch Erbauer des Gebäudes ist. Es handelte sich ursprünglich um einen Gulfhof, der in einigen Räumlichkeiten gastwirtschaftlich genutzt wurde. Genannt wurde es erstmals 1539, als Ernst Friedrichs [[von Wicht]] von einem Unfall am Weinhaus (''"ante oenopolium"'') berichtet. Ein Diener von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]] nahm die Zügel eines Pferdes zu kurz, sodass das geführte Tier den Unglücklichen an die Wand des Hauses drängte und ihm den Brustkorb zerdrückte. Eine Schank- und Gastwirtschaft wird hier zu dieser Zeit bereits betrieben.<ref name=":0">Schreiber, Gretje (1994): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 104ff.</ref> | Ursprünglich war das Weinhaus im Besitz der Kirche, die wohl auch Erbauer des Gebäudes ist. Es handelte sich ursprünglich um einen Gulfhof, der in einigen Räumlichkeiten gastwirtschaftlich genutzt wurde. Genannt wurde es erstmals 1539, als Ernst Friedrichs [[von Wicht]] von einem Unfall am Weinhaus (''"ante oenopolium"'') berichtet. Ein Diener von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]] nahm die Zügel eines Pferdes zu kurz, sodass das geführte Tier den Unglücklichen an die Wand des Hauses drängte und ihm den Brustkorb zerdrückte. Eine Schank- und Gastwirtschaft wird hier zu dieser Zeit bereits betrieben.<ref name=":0">Schreiber, Gretje (1994): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 104ff.</ref> | ||
Im Jahre 1568 wird [[Frans Wyntapper]] als Pächter des Weinhauses genannt. Auch er betreibt hier eine Schank- und Gastwirtschaft.<ref name=":1">[https://www.teetied-ostfriesland.de/artikel-und-geschichten/der-weinkeller-des-norder-hotel-zum-weinhaus/ Der Weinkeller des Norder Hotel Zum Weinhaus], abgerufen am 14. April 2021</ref> In der Zeit um 1579 war [[Everwien von Colln]] Pächter des Weinhauses.<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 93</ref> 1612 hieß der Pächter [[Thomas Johanßen Krämer]], welcher aus Emden stammte. Am 17. März 1615 verpachteten Kirchenverwalter [[Ulben Hajunga]] und [[Wille Meppen]] mit Zuziehung des Bürgermeisters [[Erhard Lüppena]] sowie [[Ludolph Mannena]] das Weinhaus dem [[Hero Gerritz]] auf vier Jahre. Doch bereits 1618 wird ein [[Wilhelm in dat Winhues]] als Pächter genannt. 1648 hatte der Apotheker [[Johann Rudolf Siltmann (1625)|Johann Rudolf Siltmann]] das Weinhaus gepachtet, 1672 pachtete es ein Mann mit dem Nachnamen Talke.<ref name=":0" /> | |||
Am 30. Januar 1613 | Das Weinhaus belieferte die [[Ludgerikirche]] mit Wein für das Abendmahl.<ref>Bach, Adolf (1943): Deutsche Namenkunde / Band 1: Die deutschen Personennamen, Berlin, S. 415</ref> Auch war es im 16. Jahrhundert Versammlungsort der [[Theelacht]].<ref name=":0" /> Seitdem und - vermutlich noch bis zum Neubau des [[Amtsgericht Norden|Amtsgerichts]] im Jahre 1836 - war es zudem oftmals Räumlichkeit für Zeugenvernehmungen in Gerichtsprozessen des [[Stadtgericht Norden|Stadtgerichts]].<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 27</ref> | ||
Am 30. Januar 1613 verlieh [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] dem Weinhaus das Privileg, dass alle ''"Kertz-Käuffe und Commissiones, Actus und Verrichtungen"'', wie auch alle anderen bürgerlichen Zusammenkünfte nirgendwo anders als hier abgehalten werden sollten.<ref name=":0" /> Dies implizierte auch die öffentlichen Versteigerungen, deren Erlös ab 1630 durch Verordnung von [[Ulrich II. Cirksena]] dem 1567 gegründeten und 1631 nach ihm zum Dank benannten [[Ulrichsgymnasium]] zuteil wurde. Der Begriff ''Kertz-Käuffe'' rührt daher, dass zu Beginn der Versteigerungen eine Kerze angezündet wurde. Die Bietenden konnten solange ein Gebot abgeben, bis die Kerze niedergebrannt war.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 21</ref> Die Auktionen verliefen nach einem festgelegten Muster und - anders als heute - wurde zunächst ein hohes Gebot abgegeben, das immer niedriger angesetzt wurde, bis sich ein Kaufinteressant fand.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 28</ref> Doch nicht nur Güter wurden versteigert, sondern auch Privilegien bzw. Vorrechte. Wichtigste Versteigerung waren die Hafenrechte, die einmal jährlich versteigert wurden. Die Einnahmen aus den Versteigerungen waren wichtiger Teil des städtischen Finanzhaushalts. Für den Eintritt müssten die Teilnehmer ein sogenanntes Stübergeld entrichten, das dem [[Gasthaus|Armenhaus]] zugute kam.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12</ref> | |||
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) und des [[Siebenjähriger Krieg|Siebenjähriges Krieges]] (1756-1763) diente der Saal des Weinhauses als Unterrichtsraum für Schüler des Gymnasiums. Ferner sollen vor 1751 bis zu 20 minderbemittelte (= wenig vermögende) Kinder in einem Anbau des Weinhauses untergebracht worden sein, was auf einen entsprechenden Erlass von Ulrich II. zurückging, wonach notdürftigen Kindern dort sowohl ein Mittagessen als auch eine Unterkunft gegen geringes Entgelt zur Verfügung gestellt werden sollte.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19</ref> Dies war ein auf den Wirt des Weinhaus beschränktes Privileg, der als einziger die Bewirtung der Schüler durchführen durfte. Anderen Kindern, als den notdürftigen, dürfte er nichtsdestotrotz ebenso eine Mahlzeit anbieten. Während er mit der Preisgestaltung und der Essenswahl bei den Notdürftigen eingeschränkt war, konnte er die Speisen sowie die Preisgestaltung bei den sonstigen Kindern weitestgehend frei gestalten, wenngleich Ulrich II. ihm auftrug, einen angemessenen und keineswegs einen überteuerten Preis zu verlangen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 22</ref> | Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) und des [[Siebenjähriger Krieg|Siebenjähriges Krieges]] (1756-1763) diente der Saal des Weinhauses als Unterrichtsraum für Schüler des Gymnasiums. Ferner sollen vor 1751 bis zu 20 minderbemittelte (= wenig vermögende) Kinder in einem Anbau des Weinhauses untergebracht worden sein, was auf einen entsprechenden Erlass von Ulrich II. zurückging, wonach notdürftigen Kindern dort sowohl ein Mittagessen als auch eine Unterkunft gegen geringes Entgelt zur Verfügung gestellt werden sollte.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19</ref> Dies war ein auf den Wirt des Weinhaus beschränktes Privileg, der als einziger die Bewirtung der Schüler durchführen durfte. Anderen Kindern, als den notdürftigen, dürfte er nichtsdestotrotz ebenso eine Mahlzeit anbieten. Während er mit der Preisgestaltung und der Essenswahl bei den Notdürftigen eingeschränkt war, konnte er die Speisen sowie die Preisgestaltung bei den sonstigen Kindern weitestgehend frei gestalten, wenngleich Ulrich II. ihm auftrug, einen angemessenen und keineswegs einen überteuerten Preis zu verlangen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 22</ref> | ||
1804 errichtete [[Christoph Daniel Heuen]] als neuer Inhaber einen Neubau an der bisherigen Stelle.<ref name=":3" /><ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 9</ref> Dieser war seit 1779 Pächter und ab 1803 Eigentümer des Weinhauses.<ref>Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 88</ref><ref name=":2">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66</ref> Der Kaufpreis betrug 10.600 Gulden.<ref name=":5">Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 73</ref> Einige mittelalterliche Gebäudeteile, so etwa der Keller, blieben hierbei erhalten. Das bei den Versteigerungen zu zahlende ''Stübergeld'' ging seitdem in die Kasse des Wirtes, das er für den Verzehr einbehielt.<ref name=":3" /> Das Privileg der Kerzenkäufe konnte sich auch Heuens Sohn Ernst Georg, der seit 1819 der Eigentümer war, bis 1826 bewahren, ehe die hannoversche Regierung die Fortführung dieser Tradition schließlich ablehnte.<ref name=":2" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12</ref> | 1804 errichtete [[Christoph Daniel Heuen]] als neuer Inhaber einen Neubau an der bisherigen Stelle.<ref name=":3" /><ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 9</ref> Dieser war seit 1779 Pächter und ab 1803 Eigentümer des Weinhauses.<ref>Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 88</ref><ref name=":2">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66</ref> Der Kaufpreis betrug 10.600 Gulden.<ref name=":0" /><ref name=":5">Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 73</ref> Einige mittelalterliche Gebäudeteile, so etwa der Keller, blieben hierbei erhalten. Das bei den Versteigerungen zu zahlende ''Stübergeld'' ging seitdem in die Kasse des Wirtes, das er für den Verzehr einbehielt.<ref name=":3" /> Das Privileg der Kerzenkäufe konnte sich auch Heuens Sohn [[Ernst Georg Heun|Ernst Georg]], der seit 1819 der Eigentümer war, bis 1826 bewahren, ehe die hannoversche Regierung die Fortführung dieser Tradition schließlich ablehnte.<ref name=":2" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12</ref> | ||
Eine Besonderheit bei den Versteigerungen und Verkäufen jener Zeit im Weinhaus war, dass bei größeren Aktionen eine Tonne, bei kleineren eine halbe Tonne Fassbier spendiert wurde. Außerdem wurden Pfeifen und Tabak geraucht. Der Wirt erhielt jedes Mal 12 Reichstaler zugebilligt und zwar 5 Reichstaler für eine Tonne Bier nebst Pfeifen und Tabak, 2 Reichstaler Entschädigung für das zu liefernde Licht und 5 Reichstaler als Saalmiete. Da natürlich auch sehr viel Bier aus eigener Tasche getrunken wurde, machte der Wirt bei allen größeren Verkäufen eine sehr gutes Geschäft.<ref name=":0" /> | |||
Erneut wurde das Weinhaus im Jahre 1813 im Zusammenhang mit dem ''[[Seebergskrug]]'' in [[Norddeich]] erwähnt. Der Betreiber bot den im Weinhaus und im [[Vossenhus]] logierenden Gästen einen Kutschenservice zu einer Gastwirtschaft an.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 322</ref> Die mit dem Seebergskrug zusammenhängende Werbung gilt als erster Beleg touristischer Werbung für Norddeich. | Erneut wurde das Weinhaus im Jahre 1813 im Zusammenhang mit dem ''[[Seebergskrug]]'' in [[Norddeich]] erwähnt. Der Betreiber bot den im Weinhaus und im [[Vossenhus]] logierenden Gästen einen Kutschenservice zu einer Gastwirtschaft an.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 322</ref> Die mit dem Seebergskrug zusammenhängende Werbung gilt als erster Beleg touristischer Werbung für Norddeich. | ||
Am 1. Mai 1833 erwarb [[Johann Carstens]] aus Emden das Weinhaus. Da Carstens zur 1848 gegründeten [[Bürgerwehr]] gehörte, nutzte diese den Saal im Weinhaus für ihre Zusammenkünfte. Ab 1854 oder 1857 gehörte das Gebäude dem Gastwirt Dippel aus Münden, dessen Witwe es 1898 an den Gastwirt Simmering verkaufte. | Am 1. Mai 1833 erwarb [[Johann Carstens]] aus Emden das Weinhaus. Da Carstens zur 1848 gegründeten [[Bürgerwehr]] gehörte, nutzte diese den Saal im Weinhaus für ihre Zusammenkünfte. Ab 1854 oder 1857 gehörte das Gebäude dem [[Eduard Dippel|Gastwirt Dippel]] aus Münden, dessen Witwe es 1898 an den [[Peter Simmering|Gastwirt Simmering]] aus [[Süderneuland]] verkaufte, der nach eigenem Bekunden bereits viele Jahre erfolgreich als Hoteliefer auf Norderney tätig gewesen war.<ref name=":0" /> Simmering veräußerte das Weinhaus jedoch noch im selben Jahr an die Gebrüder Schmidt aus Dornum.<ref name=":4">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 72</ref> Die [[Doornkaat|Brennerei Doornkaat]] unterstützte die neuen Inhaber durch Gewährung von Bürgschaften.<ref>WirtA NW WAN F 20 Nr. 45</ref> So konnten diese das Gebäude 1899 mit einer neuen Fassade versehen.<ref>[https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmale_in_Norden Liste der Baudenkmale in Norden], abgerufen am 11. November 2021</ref> | ||
1903 wurden die von Norderney stammenden Wirtsleute [[Georg Schuchardt|Schuchardt]] und [[Robert Hahn|Hahn]] neue Eigentümer des Hotels.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 13</ref> Zehn Jahre später, im Jahre 1913, verkauften sie es an den Hotelier König, der es nach einigen Jahren seinem [[Peter König|Sohn Peter]] vermachte.<ref name=":5" /> 1919 wurde ein neuer Hotelbetrieb im Weinhaus beantragt und am 8. September des Jahres genehmigt, allerdings bereits kurze Zeit später wegen Unrentabilität wieder aufgegeben.<ref name=":0" /> Kurz zuvor - am 13. Oktober des Jahres - wurde hier noch der [[Heimatverein Norderland]] gegründet.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 7</ref> Der Hotelbetrieb war unrentabel geworden, denn die 1883 erbaute [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole]] wurde 1892 bis zur [[Mole Norddeich]] erweitert, sodass die zahlreichen Inselgäste nicht mehr einen Zwischenhalt in Norden machen mussten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 125</ref> Ab dem 1. Januar 1921 zog das [[Finanzamt Norden|Finanzamt]] hier ein, der [[Landkreis Norden]] hatte das Gebäude kurz zuvor erworben und die Aufgaben des Finanzamtes von dem am [[Fräuleinshof]] ansässigen [[Landratsamt]] abgetrennt.<ref name=":3" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12</ref> Die Familie König zog in das benachbarte Gebäude, das im Volksmund auch ''[[Pumphaus]]'' genannt wurde.<ref name=":5" /> Das heutige ''Hotel Weinhaus'' an der [[Golfstraße]] in [[Norddeich]] wurde in den 1970er Jahren von dem Gastwirt Pötker eröffnet, der zuvor das im Pumphaus gelegene Hotel von der Familie König übernommen hatte.<ref>Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 75f.</ref> | |||
1951 übernahm die Landesfinanzverwaltung das Gebäude, hintere Räumlichkeiten wurden von der [[Ludgerigemeinde Norden|Kirchengemeinde]] genutzt. Bei Erkundungen im Jahre 2018 wurde noch ein - offenbar übersehener - Stapel von Standardformularen des Finanzamtes in einem der Kellerräume gefunden.<ref name=":1" /> Nach dem Finanzamt, das 1981 in den [[Mühlenweg]] zog, richtete das Land Niedersachsen hier eine Dienststelle (''Kriminalkommissariat Norden'') der Kriminalpolizei ein.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 91</ref> Bis heute ist die [[Polizei Norden]] der Hauptnutzer des Gebäudes, die anderen Räumlichkeiten werden von der [[Ludgerigemeinde Norden|Ludgerigemeinde]] genutzt.<ref name=":4" /> Zur Erinnerung an die frühere Nutzung des Gebäudes wurde 1984 eine Tafel an der südlichen Außenmauer angebracht.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 53</ref> | |||
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Version vom 10. Juli 2024, 11:42 Uhr
Weinhaus | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Entstehungszeit | 1804 (vor 1539) |
| Erbauer | Ludgerigemeinde Norden |
| Bauweise | Ziegelsteinbau |
| Erhaltungszustand | erhalten |
| Genaue Lage | Am Markt 38
26506 Norden |
Das Weinhaus ist ein ehemaliger Gasthof am Norder Marktplatz. Nach einer Nutzung durch das Finanzamt ging das unter Denkmalschutz stehende Gebäude 1981 in die Nutzung der Polizei über, die bis dato Nutzer ist. Heute trägt ein Hotel in der Golfstraße ebenfalls diesen Namen, welches sich den guten Namen zu Eigen machte und vom den Nachfolger eines früheren Eigentümers des Weinhauses eröffnet wurde.
Geschichte
Ursprünglich war das Weinhaus im Besitz der Kirche, die wohl auch Erbauer des Gebäudes ist. Es handelte sich ursprünglich um einen Gulfhof, der in einigen Räumlichkeiten gastwirtschaftlich genutzt wurde. Genannt wurde es erstmals 1539, als Ernst Friedrichs von Wicht von einem Unfall am Weinhaus ("ante oenopolium") berichtet. Ein Diener von Graf Enno II. nahm die Zügel eines Pferdes zu kurz, sodass das geführte Tier den Unglücklichen an die Wand des Hauses drängte und ihm den Brustkorb zerdrückte. Eine Schank- und Gastwirtschaft wird hier zu dieser Zeit bereits betrieben.[1]
Im Jahre 1568 wird Frans Wyntapper als Pächter des Weinhauses genannt. Auch er betreibt hier eine Schank- und Gastwirtschaft.[2] In der Zeit um 1579 war Everwien von Colln Pächter des Weinhauses.[3] 1612 hieß der Pächter Thomas Johanßen Krämer, welcher aus Emden stammte. Am 17. März 1615 verpachteten Kirchenverwalter Ulben Hajunga und Wille Meppen mit Zuziehung des Bürgermeisters Erhard Lüppena sowie Ludolph Mannena das Weinhaus dem Hero Gerritz auf vier Jahre. Doch bereits 1618 wird ein Wilhelm in dat Winhues als Pächter genannt. 1648 hatte der Apotheker Johann Rudolf Siltmann das Weinhaus gepachtet, 1672 pachtete es ein Mann mit dem Nachnamen Talke.[1]
Das Weinhaus belieferte die Ludgerikirche mit Wein für das Abendmahl.[4] Auch war es im 16. Jahrhundert Versammlungsort der Theelacht.[1] Seitdem und - vermutlich noch bis zum Neubau des Amtsgerichts im Jahre 1836 - war es zudem oftmals Räumlichkeit für Zeugenvernehmungen in Gerichtsprozessen des Stadtgerichts.[5]
Am 30. Januar 1613 verlieh Graf Enno III. dem Weinhaus das Privileg, dass alle "Kertz-Käuffe und Commissiones, Actus und Verrichtungen", wie auch alle anderen bürgerlichen Zusammenkünfte nirgendwo anders als hier abgehalten werden sollten.[1] Dies implizierte auch die öffentlichen Versteigerungen, deren Erlös ab 1630 durch Verordnung von Ulrich II. Cirksena dem 1567 gegründeten und 1631 nach ihm zum Dank benannten Ulrichsgymnasium zuteil wurde. Der Begriff Kertz-Käuffe rührt daher, dass zu Beginn der Versteigerungen eine Kerze angezündet wurde. Die Bietenden konnten solange ein Gebot abgeben, bis die Kerze niedergebrannt war.[6] Die Auktionen verliefen nach einem festgelegten Muster und - anders als heute - wurde zunächst ein hohes Gebot abgegeben, das immer niedriger angesetzt wurde, bis sich ein Kaufinteressant fand.[7] Doch nicht nur Güter wurden versteigert, sondern auch Privilegien bzw. Vorrechte. Wichtigste Versteigerung waren die Hafenrechte, die einmal jährlich versteigert wurden. Die Einnahmen aus den Versteigerungen waren wichtiger Teil des städtischen Finanzhaushalts. Für den Eintritt müssten die Teilnehmer ein sogenanntes Stübergeld entrichten, das dem Armenhaus zugute kam.[8]
Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und des Siebenjähriges Krieges (1756-1763) diente der Saal des Weinhauses als Unterrichtsraum für Schüler des Gymnasiums. Ferner sollen vor 1751 bis zu 20 minderbemittelte (= wenig vermögende) Kinder in einem Anbau des Weinhauses untergebracht worden sein, was auf einen entsprechenden Erlass von Ulrich II. zurückging, wonach notdürftigen Kindern dort sowohl ein Mittagessen als auch eine Unterkunft gegen geringes Entgelt zur Verfügung gestellt werden sollte.[9] Dies war ein auf den Wirt des Weinhaus beschränktes Privileg, der als einziger die Bewirtung der Schüler durchführen durfte. Anderen Kindern, als den notdürftigen, dürfte er nichtsdestotrotz ebenso eine Mahlzeit anbieten. Während er mit der Preisgestaltung und der Essenswahl bei den Notdürftigen eingeschränkt war, konnte er die Speisen sowie die Preisgestaltung bei den sonstigen Kindern weitestgehend frei gestalten, wenngleich Ulrich II. ihm auftrug, einen angemessenen und keineswegs einen überteuerten Preis zu verlangen.[10]
1804 errichtete Christoph Daniel Heuen als neuer Inhaber einen Neubau an der bisherigen Stelle.[8][11] Dieser war seit 1779 Pächter und ab 1803 Eigentümer des Weinhauses.[12][13] Der Kaufpreis betrug 10.600 Gulden.[1][14] Einige mittelalterliche Gebäudeteile, so etwa der Keller, blieben hierbei erhalten. Das bei den Versteigerungen zu zahlende Stübergeld ging seitdem in die Kasse des Wirtes, das er für den Verzehr einbehielt.[8] Das Privileg der Kerzenkäufe konnte sich auch Heuens Sohn Ernst Georg, der seit 1819 der Eigentümer war, bis 1826 bewahren, ehe die hannoversche Regierung die Fortführung dieser Tradition schließlich ablehnte.[13][15]
Eine Besonderheit bei den Versteigerungen und Verkäufen jener Zeit im Weinhaus war, dass bei größeren Aktionen eine Tonne, bei kleineren eine halbe Tonne Fassbier spendiert wurde. Außerdem wurden Pfeifen und Tabak geraucht. Der Wirt erhielt jedes Mal 12 Reichstaler zugebilligt und zwar 5 Reichstaler für eine Tonne Bier nebst Pfeifen und Tabak, 2 Reichstaler Entschädigung für das zu liefernde Licht und 5 Reichstaler als Saalmiete. Da natürlich auch sehr viel Bier aus eigener Tasche getrunken wurde, machte der Wirt bei allen größeren Verkäufen eine sehr gutes Geschäft.[1]
Erneut wurde das Weinhaus im Jahre 1813 im Zusammenhang mit dem Seebergskrug in Norddeich erwähnt. Der Betreiber bot den im Weinhaus und im Vossenhus logierenden Gästen einen Kutschenservice zu einer Gastwirtschaft an.[16] Die mit dem Seebergskrug zusammenhängende Werbung gilt als erster Beleg touristischer Werbung für Norddeich.
Am 1. Mai 1833 erwarb Johann Carstens aus Emden das Weinhaus. Da Carstens zur 1848 gegründeten Bürgerwehr gehörte, nutzte diese den Saal im Weinhaus für ihre Zusammenkünfte. Ab 1854 oder 1857 gehörte das Gebäude dem Gastwirt Dippel aus Münden, dessen Witwe es 1898 an den Gastwirt Simmering aus Süderneuland verkaufte, der nach eigenem Bekunden bereits viele Jahre erfolgreich als Hoteliefer auf Norderney tätig gewesen war.[1] Simmering veräußerte das Weinhaus jedoch noch im selben Jahr an die Gebrüder Schmidt aus Dornum.[17] Die Brennerei Doornkaat unterstützte die neuen Inhaber durch Gewährung von Bürgschaften.[18] So konnten diese das Gebäude 1899 mit einer neuen Fassade versehen.[19]
1903 wurden die von Norderney stammenden Wirtsleute Schuchardt und Hahn neue Eigentümer des Hotels.[20] Zehn Jahre später, im Jahre 1913, verkauften sie es an den Hotelier König, der es nach einigen Jahren seinem Sohn Peter vermachte.[14] 1919 wurde ein neuer Hotelbetrieb im Weinhaus beantragt und am 8. September des Jahres genehmigt, allerdings bereits kurze Zeit später wegen Unrentabilität wieder aufgegeben.[1] Kurz zuvor - am 13. Oktober des Jahres - wurde hier noch der Heimatverein Norderland gegründet.[21] Der Hotelbetrieb war unrentabel geworden, denn die 1883 erbaute Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole wurde 1892 bis zur Mole Norddeich erweitert, sodass die zahlreichen Inselgäste nicht mehr einen Zwischenhalt in Norden machen mussten.[22] Ab dem 1. Januar 1921 zog das Finanzamt hier ein, der Landkreis Norden hatte das Gebäude kurz zuvor erworben und die Aufgaben des Finanzamtes von dem am Fräuleinshof ansässigen Landratsamt abgetrennt.[8][23] Die Familie König zog in das benachbarte Gebäude, das im Volksmund auch Pumphaus genannt wurde.[14] Das heutige Hotel Weinhaus an der Golfstraße in Norddeich wurde in den 1970er Jahren von dem Gastwirt Pötker eröffnet, der zuvor das im Pumphaus gelegene Hotel von der Familie König übernommen hatte.[24]
1951 übernahm die Landesfinanzverwaltung das Gebäude, hintere Räumlichkeiten wurden von der Kirchengemeinde genutzt. Bei Erkundungen im Jahre 2018 wurde noch ein - offenbar übersehener - Stapel von Standardformularen des Finanzamtes in einem der Kellerräume gefunden.[2] Nach dem Finanzamt, das 1981 in den Mühlenweg zog, richtete das Land Niedersachsen hier eine Dienststelle (Kriminalkommissariat Norden) der Kriminalpolizei ein.[25] Bis heute ist die Polizei Norden der Hauptnutzer des Gebäudes, die anderen Räumlichkeiten werden von der Ludgerigemeinde genutzt.[17] Zur Erinnerung an die frühere Nutzung des Gebäudes wurde 1984 eine Tafel an der südlichen Außenmauer angebracht.[26]
Galerie
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Nicht zeitgenössisches Gemäde des Evert Janshen Schipper aus der Zeit um 1850, das links den Vorgängerbau des 1804 neu erbauten Weinhauses zeigt.
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Aufnahme aus der Zeit um 1900.
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Aufnahme aus dem Jahr 1900.
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Aufnahme aus dem Jahr 1904.
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Soldaten der kaiserlichen Armee in Kraftfahrzeugen vor dem Hotel (1914).
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Aufnahme aus dem Jahr 1950.
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Aufnahme vom 22. Juli 1977.
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Aufnahme vom 25. Juli 1977.
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Aufnahme aus dem Jahr 1983.
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Aufnahme vom 13. April 2003.
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Aufnahme vom 24. Februar 2009.
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Aufnahme vom 11. Dezember 2016.
Trivia
Neben dem Weinhaus befand sich die Westerpoort (Westerpforte), eine von drei historischen Zugängen zum Alten Friedhof.
In der Zeit um 1812 hatte das Gebäude die Hausnummer 558.[27]
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Schreiber, Gretje (1994): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 104ff.
- ↑ 2,0 2,1 Der Weinkeller des Norder Hotel Zum Weinhaus, abgerufen am 14. April 2021
- ↑ Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 93
- ↑ Bach, Adolf (1943): Deutsche Namenkunde / Band 1: Die deutschen Personennamen, Berlin, S. 415
- ↑ Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 27
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 21
- ↑ Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 28
- ↑ 8,0 8,1 8,2 8,3 Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 22
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 9
- ↑ Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 88
- ↑ 13,0 13,1 Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66
- ↑ 14,0 14,1 14,2 Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 73
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 322
- ↑ 17,0 17,1 Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 72
- ↑ WirtA NW WAN F 20 Nr. 45
- ↑ Liste der Baudenkmale in Norden, abgerufen am 11. November 2021
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 13
- ↑ Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 7
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 125
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 12
- ↑ Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 75f.
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 91
- ↑ Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 53
- ↑ Cremer, Ufke (1938): Die Hausnummern Nordens im Jahre 1812, Norden, S. 2