Polizei Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heinrich Heimlich ab 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei. Nach außen hin blieben die bisherigen, unteren Polizeisparten unverändert, doch strebte Himmler eine vollständige Verschmelzung der SS mit der Polizei an. So wurden auch die Polizei in Norden und die dörflichen Gendarmerieposten zu Werkzeugen des NS-Machtapparates. | Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heinrich Heimlich ab 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei. Nach außen hin blieben die bisherigen, unteren Polizeisparten unverändert, doch strebte Himmler eine vollständige Verschmelzung der SS mit der Polizei an. So wurden auch die Polizei in Norden und die dörflichen Gendarmerieposten zu Werkzeugen des NS-Machtapparates. | ||
Im Juli 1935 sicherte die Norder Polizei einen von der SA inszenierten Prangermarsch ab, bei dem ein jüdischer Mann und zwei "arische" Frauen mit Plakaten um den Hals als "Rasseschänder" durch die Stadt getrieben und dann in Schutzhaft genommen wurden. Polizeichef Limbach hatte zuvor vergeblich versucht, die Aktion zu verhindern, war jedoch an den Weisungen des Landratsamtes des [[Landkreis Norden|Landkreises Norden]] und der Gestapo in Wilhelmshaven gescheitert. | Im Juli 1935 sicherte die Norder Polizei einen von der SA inszenierten Prangermarsch ab, bei dem ein jüdischer Mann und zwei "arische" Frauen mit Plakaten um den Hals als "Rasseschänder" durch die Stadt getrieben und dann in Schutzhaft genommen wurden. Polizeichef Limbach (zwischenzeitlich zum Polizeimeister befördert) hatte zuvor vergeblich versucht, die Aktion zu verhindern, war jedoch an den Weisungen des Landratsamtes des [[Landkreis Norden|Landkreises Norden]] und der Gestapo in Wilhelmshaven gescheitert. | ||
War die Norder Polizeiwache bis in die 1930er Jahre sonntäglich nicht besetzt, entwickelte sie sich ab den 1940er Jahren zu einer stetig besetzten Dienststelle. | |||
===Britische Besatzungszeit=== | ===Britische Besatzungszeit=== | ||
Ab dem 4. Mai 1945 wurde Norden von kanadischen Streitkräften nach einer kampflosen Übergabe der Stadt besetzt. Norden - und damit auch die Polizei - wurde umgehend unter den Oberbefehl der Britischen Militärregierung gestellt, die Sicherheit und Ordnung oblag nun der britischen Militärpolizei. Schon Mitte 1945 jedoch wurde die Polizei durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Farbe fürchteten sich die Polizisten beinahe vor Regen. | Ab dem 4. Mai 1945 wurde Norden von kanadischen Streitkräften nach einer kampflosen Übergabe der Stadt besetzt. Norden - und damit auch die Polizei - wurde umgehend unter den Oberbefehl der Britischen Militärregierung gestellt, die Sicherheit und Ordnung oblag nun der britischen Militärpolizei. Polizeimeister Limbach führte gemeinsam mit dem Landrat und dem Bürgermeister die Verhandlungen mit den Alliierten, bei denen die Besatzungsoffiziere die Abgabe aller Waffen sowie die vorläufige Schließung des Gerichts und der Post anordneten. Ein Großteil der Polizeibeamten wurde im Rahmen der Entnazifierung suspendiert, Limbach ging Ende September des Jahres in Pension. | ||
Die britische Militärpolizei war kaum in der Lage, Herr der katastrophalen Nachkriegslage zu werden. Schon Mitte 1945 jedoch wurde die Polizei daher durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Da man kaum genügend geeignete Beamte rekrutieren konnte, musste man viele der infolge der Entnazifierung suspendierten Beamten wieder einstellen. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Farbe fürchteten sich die Polizisten beinahe vor Regen. | |||
Im Zuge dieser ersten Polizeireform gaben die Briten im September 1945 erste verbindliche Richtlinien für eine umfassende Polizeireform bekannt. In Aurich richteten sie eine Polizeiverwaltung als selbstständige Behörde unter Führung eines Polizeichefs. Die Polizei unterstand fortan nicht mehr unter Kontrolle der Landräte und Bürgermeister, sondern der Regierungsbezirke, die jedoch nach wie vor der britischen Besatzungsmacht unterstand. Die Kommunen blieben Kostenträger für personelle und sachliche Aufwendungen. | |||
===Bundesrepublik Deutschland=== | ===Bundesrepublik Deutschland=== | ||
Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin unter britischer Kontrolle. Die Norder Polizei war | Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. | ||
Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als "Polizei-Subdivision Norden" der "Polizei-Division A" unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die Polizei-Subdivisionen in Aurich und Wittmund gehörten. Die Division B umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der Dritten Schwester und zog dann in das Gebäude [[Am Markt 10]], das bis dahin als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter Lenhard Everwien residierte hier. Zuvor befand sich hier zunächst eine Herberge und später das sogenannte "Vereinshaus", das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelt es sich um ein Wohnhaus, das von Bürgermeister Erhard Lüppena in 1617 erbaut wurde. | |||
Erst durch das am 1. April 1951 eingeführte Niedersächsisches Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (Nds. SOG) wurde eine einheitliche niedersächsische Polizei geschaffen und die deutschen Behörden konnten wieder weitestgehend eigenständig agieren. Uneinheitliche Maßnahmenkonzepte führten bis Anfang der 50er Jahre – und dann unter deutscher Verantwortung im Rahmen der sogenannten "131-Regelung" dazu, dass ein großer Teil auch der belasteten Angehörigen der nationalsozialistischen Polizei erneut in die Nachkriegspolizei integriert wurden. Entgegen der Absichten, eine vollständig demilitarisierte Polizei zu schaffen, wurde die Polizei zudem unter dem Eindruck des aufkeimenden Kalten Krieges wieder bewaffnet und auch paramilitärische Gruppierungen wie der Bundesgrenzschutz sowie kasernierte Bereitschaftspolizeien aufgestellt. | |||
1970 wurde das inzwischen baufällige Haus weitestgehend abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Glücklicherweise ereilte das Haus nicht dasselbe Schicksal wie eine Vielzahl anderer historischer Gebäude, die in den 1960er bis 1970er Jahren abgebrochen wurden (siehe [[Neue Heimat]]) und es wurde zumindest die Fassade in Richtung [[Marktplatz]] erhalten. Ein Nachbarbau links der Polizei, die [[Holzhandlung Frericks]], wurde 1978/79 restlos abgebrochen. Auf dem Gelände des Handels wurde ein kleiner Nebenbau errichtet, in dem sich anfänglich die Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Kraftfahrzeugwart befanden, der vordere Teil der alten Holzhandlung wurde als Parkplatz genutzt bzw. Teil der dadurch erheblich verbreiterten [[Uffenstraße]]. In diese Zeit fällt auch der Neubau des [[Finanzamt Norden|Finanzamtes]] in der [[Mühlenstraße]]. Der Norder Polizei wurde daraufhin das ehemalige Finanzamt [[Am Markt 38]] als Nebenstelle zur Verfügung gestellt, in dem sich vor dem Finanzamt das . Während sich Am Markt 10 die Dienststelle der Schutzpolizei befand, hatte in dem Nebengebäude die Kriminalpolizei ihren Sitz. | |||
Bis heute ist die Norder Polizeiwache nicht wesentlich renoviert worden und befindet sich im Inneren weitestgehend noch auf dem Stand der frühen 1970er Jahre. Seit etwa 2000 gibt es Bestrebungen für einen Neubau, die 2020 mit dem Kauf eines Grundstücks auf dem ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgelände]] konkretisiert werden konnten. Ein zuvor angedachtes und 2017 bereits erworbenes Gelände hinter dem [[Schlachthof]] erwies sich aufgrund der Geruchsbelästigungen des Schlachthofes und der Bodenbeschaffenheit als ungeeignet. | |||
==Quellenverzeichnis== | ==Quellenverzeichnis== | ||
Version vom 22. Februar 2021, 15:15 Uhr
Polizei Norden | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Gründung | unbekannt |
| Auflösung | - |
| Rechtsform | Behörde |
| Hauptsitz | Am Markt 10
26506 Norden |
Die Polizei Norden hat ihren Hauptsitz seit Ende des Zweiten Weltkriegs in einem alten Stadtwohnaus Am Markt in Norden. Als Polizeikommissariat Norden ist die Norder Polizei heute zuständig für das Gebiet des Altkreis Norden.
Geschichte
bis 1871
Lange Zeit gab es in Norden, wie auch in den meisten anderen deutschen Städten, keine Polizei im heutigen Sinne. Die Aufgaben der öffentlichen Sicherheit und Ordnung wurden hier in der Regel von städtischen Gehilfen (Stadtdienern) wahrgenommen, die dem örtlichen Magistrat unterstanden. Eine besondere Polizeiabteilung in den Stadtverwaltungen gab es hingegen nicht. Dies änderte sich allmählich als Graf Enno II. aus dem Hause Cirksena im Jahr 1535 eine Polizeiverordnung erließ: Die "Instituta Nordena". In dieser wurden bestimmte Hoheitsrechte und Privilegien geregelt und Norden erstmals als Stadt charakterisiert. Auch wurden das Justiz- und das Polizeiwesen vom Amt Norden auf die Stadt übertragen. Fortan waren nun Wachtmeister mit den polizeilichen Aufgaben betraut. Gestellt wurden diese Positionen aus den Reihen entsprechend beauftragter Stadtdiener. Vermutlich um diese Zeit fiel auch die Entscheidung des Norder Magistrates (Bürgermeister) einen Stadtdiener zu den Versammlungen der Theelacht zu entsenden, da es dort oftmals zu Ausschreitungen und Störungen der öffentlichen Ruhe durch die tagenden Bauern gekommen war. Diese Tradition wird bis heute gewahrt und der Platz des Stadtdieners ist seit jeher direkt neben dem Kamin.
In der Zeit um 1735 gab es in der Stadt gerade einmal zwei Stadtdiener, die "für alle Justiz- und Polizey-Sachen" zuständig und und als bestellte Wachtmeister dem städtischen Magistrat unterstanden. Ein weiterer Wachtmeister soll von der fürstlichen Regierung in Aurich gestellt worden sein und dieser unterstanden haben. Den beiden Stadtdienern waren mehrere Polizeidiener untergeordnet, die vor allem als Nachtwächter für Sicherheit sorgen sollten. Dazu zählte auch, die Bevölkerung vor Gefahren wie Bränden oder herannahenden Feinden zu warnen. Dazu trugen sie ein Signalhorn bei sich, das sie regelmäßig blasen mussten. Weniger, um die Zeit anzusagen oder seine Funktion zu überprüfen, als vielmehr kundzutun, dass sie unterwegs waren und ihre Pflicht taten. Die Wachtmeister hatten dafür zu sorgen, dass die Polizeidiener ihren Dienst ordnungsgemäß verrichteten und von jedem Hausstand eine jährliche Polizeisteuer von einem Reichstaler zu erheben. Von der Bevölkerung hatten sie indes keine besondere Hochachtung für ihre wichtige Tätigkeit zu erwarten, denn Berufe, die im Zusammenhang mit Strafe standen, galten als "unehrliche Berufe".
Mit dem Tode des kinderlosen Fürst Carl Edzard im Jahr 1744 fiel Ostfriesland an Preußen. Die preußische Regierung begann schon ab 1735 mit der Einstellung von regulären Polizisten. In Berlin gab es 1742 sogar schon 18 Polizeibezirke. Davon waren Ostfriesland im Allgemeinen und Norden im Speziellen allerdings noch weit entfernt. Zwar ist bekannt, dass spätestens seit der französischen Besatzungszeit Wachthäuser in Norddeich (Fluthörn), Westermarsch I (Tromschlag) und Westermarsch II (Utlandshörn) bestanden, doch waren die Bediensteten mehr Zoll- bzw. Grenz- als Polizeibeamte.
Nach dem Sieg über Napoleon fiel Ostfriesland an das Königreich Hannover, das nach dem Vorbild der französischen Landgendarmie mehrere sogenannte Landdragonerkorps aufstellte. Hierbei handelte es sich um berittene Einheiten, die aus den Reihen der Armee rekrutiert wurden und fortan die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechterhalten sollten. Ab 1838 wurde die Bezeichnung Landgendarmerie geläufig. Auch in Norden waren diese Landgendarmen zuständig, was sich auch nicht änderte, als Ostfriesland ab 1866 wieder preußisch wurde. Die Bezeichnung Gendarm bzw. "Schandarm" hat sich dennoch bis heute im Niederdeutschen als Bezeichnung für einen Polizisten erhalten. Lange Zeit scheint es hier eine Ko-Existenz zwischen der Langendarmeriei, die vorrangig für das dörfliche Norder Umland und den städtischen Exekutivpersonen gegeben haben, die nur für Norden zuständig waren und dem Bürgermeister unterstanden.
Aus der hannoverschen Zeit existieren Berichte, dass sich die Polizei immer wieder mit "Dumme-Jungen-Streichen" und "Unnöselheiden" von Schülern zu tun hatte. Die "Übeltäter" mussten penibel verhört werden. Über die Ergebnisse, die minutiös protokolliert wurden, wurde dem Magistrat (Stadtrat) oder dem Bürgermeister berichtet. So meldet Polizeidiener Stünckel dem Magistrat im Jahr 1863, dass er auf dem Marktplatz mehrere Jungen erwischt hätte, die dort gesetzeswidrig um Geld spielten. Er verhaftete und verhörte sie im (alten) Rathaus, wo sie beteuerten, dass es sich nur um einen Scherz gehandelt habe. Die Jungen wurden "dringlich ermahnt" und ihnen für den Wiederholungsfall harte Strafen angedroht.
Kaiserzeit
Während der Kaiserzeit wurde die Königlich Preußische Landgendarmerie in 12 Brigaden unterteilt. Jeder Brigade unterstanden gut 300 Gendarmen, die jeweils von einem Oberst kommandiert wurden. Diesem unterstanden vier bis fünf Distriktsoffiziere im Rang eines Hauptmanns, dem wiederum jeweils 50 bis 60 Gendarmen unterstellt waren. Norden war dem Polizeidistrikt Aurich unterstellt, dieser wiederum der 10. Gendarmeriebrigade in Hannover. An der Spitze des Norder Gendarmeriekorps stand ein Oberwachtmeister, dem wahrscheinlich nicht mehr als eine Handvoll Wachtmeister bzw. Gendarmen unterstellt waren.
Im Mai 1874 erließ der Norder Magistrat eine neue Polizeiverordnung, in der das Betreten von Rasenflächen oder das Verrichten der Notdurft in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt wurde. Bei Zuwiderhandlungen wurde Geld- oder gar Haftstrafe angedroht. Auch sonst wurden die typisch preußischen Tugenden über Zucht und Ordnung in Ostfriesland vollends gepflegt. Im September 1885 wurde ein gerade einmal elf Jahre altes Mädchen angezeigt, nachdem sie sich an eine eiserne Viehstange auf dem Blücherplatz gehängt hatte. Im Polizeibericht heißt es, dass sie "in schamloser Weise" geturnt habe, "so daß ihr die Röcke und Kleider über den Kopf geflogen sind und die Passanten ein Ärgernis genommen haben.".
Mit dem Umzug der Stadtverwaltung in das neue, bis heute als solches genutzte Rathaus im Herbst 1883 erwarb diese zugleich die dritte (rechte) der Drei Schwestern. Der hintere, untere Teile wurde der Polizei als Diensträumlichkeiten zur Verfügung gestellt, die übrigen Räume wurden vermietet. In einer dieser vermieteten Wohnungen lebte der Polizeisergeant Hinrich Bohlken mit seiner Familie, sein mittelbarer Nachbar war der Polizeisergeant Frank oder Fritz Leopold. Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bezeichnung "Sergeant" der zweitunterste Dienstgrad. Er war Vorgesetzter der Polizeidiener, stand jedoch noch unter den Wachtmeistern.
Um kurz nach 1900 sorgten die Beamten Theodor Höger und Johannes Heinichen für Sicherheit und Ordnung. Heinichen war eine regionale Bekanntheit, da er einen der ersten Polizeihunde besaß. Höger wurde zugleich Nachmieter der Wohnung von Bohlken. Ihm wurde es von der Stadt gestattet, den Garten des Bürgermeisters (heute Parkplatz des Rathauses) zur Zucht von Hühnern der rasse "Schwarze Minorka" zu nutzen.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde ein nicht unerheblicher Teil der Gendarmerie, die seit 1885 dem Landrat unterstanden, zum Kriegsdienst als Feldgendarmen (Militärpolizei) einberufen. Mit der sich verschärfenden Versorgungslage verschlechterte sich auch das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Gendarmerie bzw. Polizei. Das Innenministerium bestellte daraufhin für den Kriegsdienst abkömmliche Unteroffiziere und Mannschaften als Hilfsgendarmen, die die regulären Kräfte bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung unterstützen sollten.
Weimarer Republik
Nach 1920 bekamen Höger und Heinichen Unterstützung von den aus Bremen nach Norden beorderten Beamten Heinrich Limbach und Wessel Meyer. Neben klassischen Polizeiaufgaben war es auch Aufgabe der Polizei, öffentliche Filmvorführungen auf die Einhaltung der Zensur zu prüfen. Kinobetreiber mussten laut Erlass des preußischen Innenministeriums alle Filme zur Begutachtung und Kontrolle an die Polizei melden und dem Magistrat eine entsprechende Liste vorlegen. Zudem hatte er schriftlich zu erklären, dass er im Besitz der vom Berliner Polizeipräsidium ausgestellten Zensurkarten ist. Zur Überprüfung wies der städtische Beamte Julius Albers die Polizei an, sämtliche Filmvorführungen persönlich zu inspizieren, was diese gewöhnlicherweise mit dem Vermerk "keine Unregelmäßigkeiten" dokumentierten.
Um 1926 wurde das Polizeigebäude um weitere Räumlichkeiten erweitert und umfasste nun auch den vorderen Teil des Erdgeschosses. Als Nachfolger des kürzlich Verstorbenen Högers wohnte nun der Polizeisekretär Heinrich Limbach in der Dritten Schwester. Bezeichnet "Polizeisekretär" heute einen Verwaltungsbeamten im Polizeidienst, war dies zur Zeiten der Weimarer Republik der Dienstgrad für einen Polizei-Unteroffizier, der mehrere Ränge über einem Oberwachtmeister stand. Dadurch wird ersichtlich, dass der Personalkörper der Norder Polizei beträchtlich gewachsen sein muss. Zurückzuführen ist dies aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Eingemeindung der Norder Umlandgemeinde Sandbauerschaft im Jahre 1919, mit der die Einwohnerzahl sich praktisch verdoppelte. Da auch der Kraftfahrzeugverkehr immer weiter zunahm, war die Stadt gezwungen, weitere Polizisten einzustellen. Die Stadt bestand in den 1920er Jahren aus sieben Polizeibezirken.
Zeit des Nationalsozialismus
Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heinrich Heimlich ab 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei. Nach außen hin blieben die bisherigen, unteren Polizeisparten unverändert, doch strebte Himmler eine vollständige Verschmelzung der SS mit der Polizei an. So wurden auch die Polizei in Norden und die dörflichen Gendarmerieposten zu Werkzeugen des NS-Machtapparates.
Im Juli 1935 sicherte die Norder Polizei einen von der SA inszenierten Prangermarsch ab, bei dem ein jüdischer Mann und zwei "arische" Frauen mit Plakaten um den Hals als "Rasseschänder" durch die Stadt getrieben und dann in Schutzhaft genommen wurden. Polizeichef Limbach (zwischenzeitlich zum Polizeimeister befördert) hatte zuvor vergeblich versucht, die Aktion zu verhindern, war jedoch an den Weisungen des Landratsamtes des Landkreises Norden und der Gestapo in Wilhelmshaven gescheitert.
War die Norder Polizeiwache bis in die 1930er Jahre sonntäglich nicht besetzt, entwickelte sie sich ab den 1940er Jahren zu einer stetig besetzten Dienststelle.
Britische Besatzungszeit
Ab dem 4. Mai 1945 wurde Norden von kanadischen Streitkräften nach einer kampflosen Übergabe der Stadt besetzt. Norden - und damit auch die Polizei - wurde umgehend unter den Oberbefehl der Britischen Militärregierung gestellt, die Sicherheit und Ordnung oblag nun der britischen Militärpolizei. Polizeimeister Limbach führte gemeinsam mit dem Landrat und dem Bürgermeister die Verhandlungen mit den Alliierten, bei denen die Besatzungsoffiziere die Abgabe aller Waffen sowie die vorläufige Schließung des Gerichts und der Post anordneten. Ein Großteil der Polizeibeamten wurde im Rahmen der Entnazifierung suspendiert, Limbach ging Ende September des Jahres in Pension.
Die britische Militärpolizei war kaum in der Lage, Herr der katastrophalen Nachkriegslage zu werden. Schon Mitte 1945 jedoch wurde die Polizei daher durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Da man kaum genügend geeignete Beamte rekrutieren konnte, musste man viele der infolge der Entnazifierung suspendierten Beamten wieder einstellen. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Farbe fürchteten sich die Polizisten beinahe vor Regen.
Im Zuge dieser ersten Polizeireform gaben die Briten im September 1945 erste verbindliche Richtlinien für eine umfassende Polizeireform bekannt. In Aurich richteten sie eine Polizeiverwaltung als selbstständige Behörde unter Führung eines Polizeichefs. Die Polizei unterstand fortan nicht mehr unter Kontrolle der Landräte und Bürgermeister, sondern der Regierungsbezirke, die jedoch nach wie vor der britischen Besatzungsmacht unterstand. Die Kommunen blieben Kostenträger für personelle und sachliche Aufwendungen.
Bundesrepublik Deutschland
Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer.
Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als "Polizei-Subdivision Norden" der "Polizei-Division A" unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die Polizei-Subdivisionen in Aurich und Wittmund gehörten. Die Division B umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der Dritten Schwester und zog dann in das Gebäude Am Markt 10, das bis dahin als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter Lenhard Everwien residierte hier. Zuvor befand sich hier zunächst eine Herberge und später das sogenannte "Vereinshaus", das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelt es sich um ein Wohnhaus, das von Bürgermeister Erhard Lüppena in 1617 erbaut wurde.
Erst durch das am 1. April 1951 eingeführte Niedersächsisches Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (Nds. SOG) wurde eine einheitliche niedersächsische Polizei geschaffen und die deutschen Behörden konnten wieder weitestgehend eigenständig agieren. Uneinheitliche Maßnahmenkonzepte führten bis Anfang der 50er Jahre – und dann unter deutscher Verantwortung im Rahmen der sogenannten "131-Regelung" dazu, dass ein großer Teil auch der belasteten Angehörigen der nationalsozialistischen Polizei erneut in die Nachkriegspolizei integriert wurden. Entgegen der Absichten, eine vollständig demilitarisierte Polizei zu schaffen, wurde die Polizei zudem unter dem Eindruck des aufkeimenden Kalten Krieges wieder bewaffnet und auch paramilitärische Gruppierungen wie der Bundesgrenzschutz sowie kasernierte Bereitschaftspolizeien aufgestellt.
1970 wurde das inzwischen baufällige Haus weitestgehend abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Glücklicherweise ereilte das Haus nicht dasselbe Schicksal wie eine Vielzahl anderer historischer Gebäude, die in den 1960er bis 1970er Jahren abgebrochen wurden (siehe Neue Heimat) und es wurde zumindest die Fassade in Richtung Marktplatz erhalten. Ein Nachbarbau links der Polizei, die Holzhandlung Frericks, wurde 1978/79 restlos abgebrochen. Auf dem Gelände des Handels wurde ein kleiner Nebenbau errichtet, in dem sich anfänglich die Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Kraftfahrzeugwart befanden, der vordere Teil der alten Holzhandlung wurde als Parkplatz genutzt bzw. Teil der dadurch erheblich verbreiterten Uffenstraße. In diese Zeit fällt auch der Neubau des Finanzamtes in der Mühlenstraße. Der Norder Polizei wurde daraufhin das ehemalige Finanzamt Am Markt 38 als Nebenstelle zur Verfügung gestellt, in dem sich vor dem Finanzamt das . Während sich Am Markt 10 die Dienststelle der Schutzpolizei befand, hatte in dem Nebengebäude die Kriminalpolizei ihren Sitz.
Bis heute ist die Norder Polizeiwache nicht wesentlich renoviert worden und befindet sich im Inneren weitestgehend noch auf dem Stand der frühen 1970er Jahre. Seit etwa 2000 gibt es Bestrebungen für einen Neubau, die 2020 mit dem Kauf eines Grundstücks auf dem ehemaligen Doornkaatgelände konkretisiert werden konnten. Ein zuvor angedachtes und 2017 bereits erworbenes Gelände hinter dem Schlachthof erwies sich aufgrund der Geruchsbelästigungen des Schlachthofes und der Bodenbeschaffenheit als ungeeignet.
Quellenverzeichnis
- Geschichte der Deutschen Polizei abgerufen am 22. Februar 2021
- Haddinga, Johann (2010): Die Polizei und ihre Geschichte(n), in: Heim und Herd vom 20. Oktober 2018, Beilage Ostfriesischer Kurier Nr. 10, S. 37-40