Vertriebenenlager Tidofeld: Unterschied zwischen den Versionen
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Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt wurde. Zuvor war die Fläche unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt. Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt. Hier versahen junge Marinerekruten ihre Grundausbildung. | Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt wurde. Zuvor war die Fläche unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt. Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt. Hier versahen junge Marinerekruten ihre Grundausbildung. | ||
Version vom 23. Dezember 2020, 10:59 Uhr
Vertriebenenlager Tidofeld | ||||||||
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| Basisdaten | ||||||||
| Kategorie | Ort in Tidofeld | |||||||
| Stadtteil/-viertel | Tidofeld | |||||||
| Genaue Lage | südlich der Heerstraße | |||||||
Das Vertriebenenlager Tidofeld war zwischen 1946 und 1960 eines der größten Aufnahmelager für Vertriebene und Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs in Niedersachsen. Es befand sich im heutigen Norder Stadtteil Tidofeld im Süden der Heerstraße.
Geschichte
bis 1945

Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt wurde. Zuvor war die Fläche unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt. Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt. Hier versahen junge Marinerekruten ihre Grundausbildung.
1945 - 1959
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Norden zunächst von kanadischen Truppen besetzt und kam letztlich als Teil der Britischen Besatzungszone unter die Kontrolle der britischen Militärregierung. Die Briten errichteten hier zunächst ein Internierungs- und Entlassungslager für deutsche Kriegsgefangene.
Ab etwa Anfang 1946 begannen erste Planungen zur Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen, die aus den ehemals deutschen Ostgebieten und den ausgebombten Großstädten in großen Zahlen nach Ostfriesland und auch nach Norden kamen. Die Briten begannen daraufhin mit der Vergabe des Wohnraums. Dabei wurden die Gebäude und Baracken des Marinelagers übernommen ohne daran nennenswerte Verbesserungen vorzunehmen. Die Menschen lebten auf engstem Raum, Privatsphäre gab es angesichts der engen Behausungen (etwa 30 Menschen teilten sich anfangs einer Baracke) sowie gemeinsamer Sanitäranlagen und fehlender Trenntüren kaum. 1946 lebten hier bereits etwa 1200 Menschen auf einer Fläche von nicht einmal 0,3 km². 1951 lebten rund 1100 Menschen hier, Ende der 1950er Jahre waren es immer noch 750. Die Zahl wäre geringer ausgefallen, kämen zu den restlichen Vertriebenen nicht noch auch noch heimkehrende Kriegsgefangene. Die Arbeitslosenquote war angesichts eines geringen Angebots äußerst hoch und wird für 1951 mit 70 % angegeben.
Obgleich es erklärtes Ziel der Militärregierung war, die Bewohner nur kurzfristig in dem Lager zu quartieren und keine alten Nachbarschaften unter den manchmal aus dem gleichen Ort kommenden Vertriebenen aufkommen zu lassen, erreichten sie letztlich genau das Gegenteil und es entstand eine weitestgehend Solidarität unter den Bewohnern. Bereits wenige Monate nach der Freigabe des Lagers enstanden eine Schule, eine Gaststätte, eine Freiwillige Feuerwehr und im August 1948 sogar eine Kirche in einer Baracke. Die Räumlichkeiten dieser Barackenkirche und die laufenden Kosten wurden unter den Bewohnern solidarisch geteilt und die drei im Lager vertrenenen Konfessionen (evangelisch-lutherisch, evangelisch-baptistisch und römisch-katholisch) hielten ihre Gottesdienste abwechselnd ab.
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, damals noch Teil der Norder Nachbargemeinde Lütetsburg, kam erst 1952 als Stadtteil zu Norden.
Mit dem Einsetzen des Wirtschaftswunders und dem fehlenden Angebot an Arbeitsplätzen in der Umgebung zog es mehr und mehr Bewohner in der Hoffnung auf Arbeit fort, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet.
ab 1960
Um 1960 wurden - bis zu diesem Zeitpunkt hatten mehr als 6000 Personen das Lager durchlaufen – wurden die Baracken schließlich abgerissen und durch Ein- und Mehrfamilienhäuser in ortsüblicher Klinkerbauweise ersetzt. Die Gebäude stehen auch heute größtenteils noch und sind bewohnt.
Ursprünglich plante die Stadt Norden, die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem eigens für sie errichteten Stadtteil Neustadt unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass für sie eine Siedlung an der gewohnten Stelle errichtet wurde.
Am 15. Juni 1961 erfolgte die Grundsteinlegung der Gnadenkirche Tidofeld. Am 19. Dezember 1961 wurde die Gnadenkirche mit einem Gottesdienst feierlich eingeweiht. Sie diente fortan der evangelisch-lutherischen Kirche. Heimatvertriebene, die Mitglieder anderer Konfessionen waren, schlossen sich den bestehenden Kirchengemeinden der Stadt Norden an. Aufgrund schwindender Besucherzahlen wurde die Friedenskirche 2006 offiziell entweiht. Nach jahrelanger Vorbereitung befindet sich in ihr seit 2013 eine Dokumentationsstätte, die sich mit dem Schicksal von von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen weltweit im Allgemeinen und der ehemaligen Bewohner Tidofelds im Speziellen widmet.
Bewohner
Die allermeisten Bewohner kamen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wie Schlesien, Pommern, Westpreußen und Ostpreußen. Insgesamt haben etwa 6000 Menschen das Lager durchlaufen, jedoch nicht zeitgleich dort gelebt.
Unter den vielen Bewohnern des Lagers befand sich auch ein Großonkel des bekannten deutschen Fußballtrainers Jürgen Klopp. Sein Großonkel, Reinhold Klopp, wurde mit seiner Familie nach dem Krieg aus Pommern vertrieben und kam zunächst in Tidofeld unter, bis er nach einigen Jahren in die Krummhörn zog.
Gebäude
Für die kommandierenden Offiziere des Lagers wurden zwei Doppelhäuser (Baujahr: 1939) an der heutigen Huntestraße errichtet. Die Gebäude sind bis heute erhalten und bewohnt.
Auch das Verwaltungsgebäude ist erhalten und wird heute von der Behindertenhilfe Norden genutzt.
Quellenverzeichnis
- Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 45f.
- Internetauftritt des Forums der Wehrmacht (Zeitzeugenberichte)
- Internetauftritt der Gnadenkirche Tidofeld (heute Dokumentationsstätte)